Mit ehrlichem Pathos

- "Als Einwanderer, der sich in seiner Jugend häufig entwurzelt fühlte, habe ich mich bemüht, eine Art von Architektur zu schaffen, eine Art von Architektur, die ein Geschichtsverständnis nach Weltkatastrophen reflektiert." Daniel Libeskind (Jahrgang 1946) formuliert da einen spannenden, zwiespältigen Ansatz für Baukunst, die eher unseren zivilisierten Alltag begleiten und formen sollte.

<P>Als "Star" der Szene ist er in unser aller Blick gerückt durch seinen unkonventionellen Anbau ans Berliner Jüdische Museum. Er realisierte dort einen aufgesprengten Davidstern. Man würde gern mehr in seinem Buch "Breaking Ground - Entwürfe meines Lebens", das er zusammen mit Sarah Crichton verfasst hat, über solche architektonischen Zielsetzungen lesen. Aber ausführliche Reflexionen gibt es nicht, stets nur Anekdotenhaftes, dahingestreute Äußerungen.</P><P>Wer also weniger die vertiefte künstlerische Auseinandersetzung sucht und sich über assoziatives Plaudern freut, wird mit dem Buch zum Teil gut fahren, aber sicher noch mehr, wenn Libeskind den Band am Mittwoch in der Münchner Pinakothek der Moderne vorstellt. Das lockere Erzählen wird mitunter jedoch zum besessenen Aufzählen: wenn der Architekt von seinen Widersachern berichtet. Minutiös hakt er jedes Detail ab, dreht jeden Stein um, der ihm in den Weg gelegt wurde. Sowohl die Berliner Querelen ums Museum wie die New Yorker um seine Generalplanung für Ground Zero werden auf diese Weise ausgebreitet. Dazwischen - sympathisch - Libeskinds ehrliches, kindliches Pathos. Dann wiederum - unsympathisch - seine "Benotung" von Kollegen.</P><P>Extrem viel Selbstlob, das er doch gar nicht nötig hat, wechselt sich ab mit berührenden Episoden. Vor allem über seine Eltern, die den NS-Judenmord überlebten, später vom Ostblock nach Israel und danach in die USA emigrierten. Diese "Episoden" sind doch sehr viel gewichtiger als die großen Kapitel über bau-bürokratische Reibungen.</P><P>Daniel Libeskind mit Sarah Crichton: "Breaking Ground - Entwürfe meines Lebens".<BR>Aus dem Englischen von Franca Fritz und Heinrich Koop.<BR>Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 318 Seiten; 22,90 Euro.</P>Der Architekt stellt das Buch morgen, 19.30 Uhr, im Siemens-Auditorium der Münchner Pinakothek der Moderne vor.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen
München - "I can tell just what you know..." Ja, die Nordiren von Two Door Cinema Club wussten am Donnerstagabend in der Tonhalle wirklich, was die Fans wollten.
Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen
Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Deutschlands Jazz-Hoffnung Michael Wollny improvisiert in München die Filmmusik zum Kinoklassiker „Nosferatu“. Die Faszination für das Unheimliche zieht sich durch …
Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
Das Jüdische Museum München setzt sich in „Never Walk Alone“ mit jüdischen Identitäten im Sport auseinander. Der Besucher findet sich dabei mitten in einem Lebendkicker …
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle
Ganz nüchtern wirkte er nicht, der Anarcho unter den Rockstars. Pete Doherty lieferte in der Münchner Muffathalle eine Show an der Grenze zum Exzess. 
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle

Kommentare