Ehrlicher Arbeiter

- Wollte man jemandem, der nicht dabei war, erklären, weshalb ein Konzert von Bryan Adams eine ausnehmend ansprechende Angelegenheit ist, könnte man mitSusi aus Niederbayern beginnen. Die nämlich wurde von Adams auf die Bühne geholt, um mit ihm "When you're gone" zu singen. So etwas kann furchtbar schief gehen, und tatsächlich ist Susi sichtbar nervös.

<P>Zu allem Überfluss fällt auch noch ihr Mikrofon aus, aber Adams rettet die Situation: Er kommentiert die technische Panne lakonisch auf Deutsch mit "Das ist aber Scheiße", drückt Susi seine Gitarre in die Hand und schlendert höchstselbst zum Bühnenrand, um in aller Seelenruhe nach einem anderen Mikro zu suchen.<BR><BR>In der Zwischenzeit bekommt Susi ihre Nerven in den Griff und plaudert dann sogar recht pfiffig mit Adams über die richtige Aussprache des Wortes Passau ("Passed out?"). Als sie schließlich voller Inbrunst singt, hat Adams seinen Spaß, das Publikum auch und Susi sowieso. Es ist diese Haltung des unverdorbenen Rockers, die es Bryan Adams ermöglicht, sich seit einem Vierteljahrhundert ungeachtet aller Moden in der Branche zu behaupten. Er ist ein ehrlicher Arbeiter, der sein Handwerk beherrscht und sich wohl eher als Musiker denn als Star sieht. Und in Zeiten hybrider Pop-Sternchen und synthetischen Hitgedudels ist das eine angenehme Ausnahmeerscheinung.<BR><BR>Freude am gepflegten Krach</P><P>Deswegen füllt der mittlerweile 45-jährige Kanadier immer noch mühelos die Münchner Olympiahalle und bringt seine Fans von der ersten bis zur letzten Sekunde zum Toben. Sein Talent für eingängige Melodien und griffige Textzeilen haben ihm eine stattliche Anzahl von Hits beschert, und die trägt er, von seiner hingebungsvollen Begleitband angetrieben, ziemlich deftig und mit Freude am gepflegten Krach vor. Adams verzichtet bewusst auf Firlefanz und aufwändige technische Effekte. Stattdessen rennt und hüpft er über die Bühne, als würde er nach Kilometern bezahlt und versetzt den Saal durch seine schiere Energie in eine Art tranceartigen Taumel.<BR><BR>Seine Balladen interpretiert er rauer als gewohnt, und auch sonst ist Bryan Adams dem puren Klang des Rock'n'Roll verpflichtet. Bei seinem größten Erfolg "Summer of 69" erklärt er ein bisschen kryptisch, dass alle glauben, das Lied handle von irgendetwas, dabei gehe es um völlig anderes und legt dann eine großartige, leise Version seines Klassikers vor. Denn dieser ist natürlich sein persönlichster Song, die Geschichte von einem, der dazu geboren ist, Rockmusik zu machen, komme da, was wolle.<BR><BR>Der Junge mit der Gitarre steht also da und geht leidenschaftlich seinem Beruf und seiner Berufung nach: Musik zu machen. Alles andere ist zweitrangig - wenigstens für die Dauer eines Bryan-Adams-Konzerts. Und genau so soll es ja sein. </P>

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