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Hans-Peter Feldmann: „Die Büste der Nofretete“ von 2012 untergräbt die Aura des Kult-Porträts der altägyptischen Königin.

Ausstellung

"Nofretete – tête-á-tête": Die ehrwürdige Dame ist topfit

München - Neu trifft Alt: Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst München zeigt die Schau „Nofretete – tête-á-tête“.

Alberto Giacometti, hier eine Büste, zeichnete Ägyptisches.

An ihr kommt keiner vorbei. Nofretete schafft es locker, auch in einer Ausstellung mit Werken der Klassischen Moderne und der aktuellen Kunst prägend präsent zu sein. Das nicht nur, weil sie Künstler inspiriert, sondern weil sie ein tolles Werbe-Instrument ist. Jetzt wurde die alte Dame engagiert für die Schau „Nofretete – tête-á-tête. Wie Kunst gemacht wird“, die von dem gebürtigen Libanesen Sam Bardaouil und dem Münchner Till Fellrath konzipiert wurde – zunächst für das Arabische Museum Moderner Kunst in Doha. Nun ist der vergnüglich bunte, anregende, informative, allerdings argumentativ nicht wirklich sattelfeste Reigen an Werken von Alberto Giacometti über Mahmoud Moukhtar bis Iman Issa in Münchens Museum Ägyptischer Kunst gelandet (nach Paris und Valencia).

Direktorin Sylvia Schoske wollte die Präsentation „nicht eins zu eins übernehmen“. Ihre Intervention gibt „Nofretete – tête-á-tête. Wie Kunst gemacht wird“ einen fabelhaften Schub: Denn viele Werke sind direkt in die Dauerausstellung der altägyptischen Exponate integriert, und zwar auch lustige und respektlose. Die Sarg-Skulptur von Vik Muniz (Jahrgang 1961) steht exemplarisch dafür. Seine Tupperdose in der Größe eines Mumiensarkophags darf sogar zwischen den edlen uralten Stücken in der „Jenseits“-Abteilung stehen. Unter all den Dialogen gibt es auch ernsthafte Auseinandersetzungen, wie die von Moukhtar (1891–1934), der in Ägypten als bester Bildhauer nach den ehrwürdigen Kollegen galt. Seine kompakt gestaltete Schlummernde wurde mit einer – naturgemäß – kompakten Würfelfigur aus der Pharaonenzeit kombiniert. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) reagierte mit ihrem Selbstbildnis ganz und gar nicht simpel auf die Mumienporträts der ägyptisch-römischen Phase. Wunderbar ist es auf alle Fälle, die Gemälde zusammen sehen zu dürfen.

Neben dem unmittelbaren visuellen Gespräch mit dem alten Ägypten funktioniert das Tête-à-tête mit Nofretete als eigenständige Schau im Saal für Sonderausstellungen. In einer kleinen Architekturinszenierung tritt sie dem Besucher körperlich gegenüber. Auf den lebensgroßen Bronzeleib des ungarischen Duos Little Warsaw passt die kultige Porträtbüste der Pharaonin exakt, wie die Filmdokumentation einer Performance in Berlin schildert. Gerade an der Büste lässt sich wohl am besten ablesen, wie Kunst entsteht: Einst Propaganda-Instrument der Herrschaft wurde das Porträt zur Museumstrophäe für Preußen und zur reinen Kunst. Je auratischer die Plastik empfunden wurde, umso mehr wurde sie als Werbemittel benutzt und künstlerisch bespöttelt. Die kunsthistorische Weihe-Bühne zeigen uns die Fotografien von Candida Höfer (1944) aus dem Neuen Museum Berlin, in dem Nofretete in einem Extra-Kuppelsaal inszeniert ist. Für die Gaudi ist Hans-Peter Feldmann (1941) zuständig: Er kopierte die Büste akkurat; allerdings ist die Königin grell geschminkt und schielt obendrein.

Noch spannender als das sind jedoch die Arbeiten der arabischen Künstler, die Altägyptisches aufgreifen, aber damit gesellschaftliche Denkstrukturen schlaglichtartig beleuchten. Iman Issa (1979) kippt die Lust auf monumentale Denkmäler im neuen und alten Ägypten im Wortsinn. Es gibt nur noch kleine liegene Holzskulpturen, die weder Pharao noch Präsident gefallen würden. Wichtig für uns Europäer sind außerdem die Hinweise (Bildbände aus dem 19. Jahrhundert) auf koloniale Haltungen und Ägyptenschwärmereien, die kaum einmal das reale Ägypten wahrnahmen. Dafür behielten einheimische Künstler die europäische Entwicklung sehr wohl im Auge, etwa bereits im ägyptischen Surrealismus. Heute haben sie sich freigestrampelt und agieren auf internationalem Niveau – jedenfalls die, die Bardaouil und Fellrath ausgesucht haben.

Herzerfrischend humorvoll lässt zum Beispiel Mohamad-Said Baalbaki (1974) ein 19.-Jahrhundert-Naturkundemuseum auferstehen, das sich sehr wissenschaftlich mit dem Skelett von Mohammeds geflügeltem Pferd Al Burak beschäftigt. Naturgemäß passen solche Mischwesen gut zu den altägyptischen Tier-Mensch-Göttergestalten. Die, genauer: seine grotesk struppigen Sphingen, gefallen auch William Kentridge (1955), der übrigens in drei klugen Schmunzel-Videos die Konservatorenarbeit in Museen derbleckt. Bei Grayson Perrys (1960) großem Keramik-Hundesultan schweben wir dann haltlos zwischen arabischem Kunsthandwerk und Loriot’scher Tierwelt.

Bis 7. September, täglich außer Montag; Gabelsbergerstraße 35.

Von Simone Dattenberger

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