Eiffelturm der Revolution

- Die Münchner Pinakothek der Moderne wird am 16. September eröffnet. Danach können die Besucher eine Woche lang gratis das Haus besichtigen (10-23 Uhr). Die ehemalige Staatsgalerie moderner Kunst, das Design-Museum Neue Sammlung, das Architekturmuseum und die Graphische Sammlung können in dem Neubau von Stephan Braunfels endlich zeigen, welch immenses Potenzial sie besitzen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die imposante Chillida-Plastik ist an der Barer Straße bereits aufgestellt worden. Auch Winfried Nerdinger, Chef des Architekturmuseums, werkelt zwischen Modellen, Fotos und Skizzen rund um die Uhr.

<P>Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie Ihre Ausstellung konzipiert?<BR>Nerdinger : Wir können im Gegensatz zu der Staatsgalerie und dem Design-Museum nur Wechselausstellungen zeigen. Wie bei Grafik dürfen wir unsere Zeichnungen dem Licht nur maximal ein paar Monate aussetzen. Wir werden viermal im Jahr die Werke austauschen. Zur Eröffnung wollen wir nicht Highlights präsentieren; das wäre lediglich etwas Additives. Wir möchten lieber einen roten Faden legen - mit dem Thema: "Konstruktion und Raum in der Architektur des 20. Jahrhunderts". Dazu wird es einen Katalog geben. Mir ist es wichtig zu erklären, dass hinter der Architektur-Oberfläche, die der Betrachter wahrnimmt, mehr steckt. Wir wollen damit das Verständnis für Architektur vertiefen. Es geht um das Wechselspiel von Konstruktion und Raum. Einerseits ermöglichten neue Konstruktionen eine neue Architektur; etwa beim Zeltdach des Münchner Olympiastadions. Andererseits forderte die Architektur die Technik heraus; bei Sydneys Oper stand am Anfang nur eine Skizze mit den "Segeln", und die Ingenieure mussten dann überlegen, wie die zu realisieren wären. Mit diesem Thema wollen wir uns programmatisch präsentieren, und nicht bloß zeigen, was an äußerlichen Moden so abläuft.<BR><BR>Mit welchem Gebäude beginnen Sie Ihre Schau?<BR>Nerdinger : Mit dem Glaspalast (1853/54). Damals stand der modernste Bau in München. Er markiert den Beginn eines neuen, eben des industriellen Bauens. Die Benutzung von vorgefertigten, typisierten Elementen revolutionierte das gesamte Bauwesen. Das war die Verwandlung der Architektur durch die Industrialisierung. Mit einem Turm setzen wir, Mitten in die Ausstellung hinein, ein Zeichen. Vladimir |6Suchov nannte seinen 350 Meter hohen Radioturm, den er 1919 entwarf, "Eiffelturm der Revolution". Er war 50 Meter höher als der echte Eiffelturm, aber nur ein Viertel so schwer - durch eine Stabgitterkonstruktion. Bis heute wird |6Suchov dafür als einer der größten Ingenieure verehrt. <BR><BR>Gehört das Architekturmuseum weiterhin zur Technischen Universität?<BR>Nerdinger : Hier in der Pinakothek ist unser Schaufenster. Wir haben 1000 Quadratmeter, aber die Depots und Arbeitsräume bleiben in der Technischen Universität. Wir arbeiten aus der TU heraus. An der aktuellen Schau sind mehrere Lehrstühle und Studenten beteiligt. Das Potenzial der Hochschule wird miteingebracht. Deshalb habe ich auch den Anspruch, etwas zu vermitteln. Ich habe unsere Präsentationen nie als reines Event verstanden. Ich will informieren, eine kritische Auseinandersetzung anregen, damit der Besucher sich reflexiv mit Architektur beschäftigen kann. Ein Verstehensprozess wird angestoßen, dabei soll aber alles Spaß machen, ästhetisch, optisch, künstlerisch und sinnlich ansprechen.<BR><BR>Wie sieht die Zusammenarbeit mit den anderen Museen aus?<BR>Nerdinger : Wir sind zu viert unter einem Dach, und es gibt eine Unmenge von Verbindungen. Zwischen Architektur und Design sowieso; viele Architekten waren Designer, viele kamen aber auch von der Malerei. Man befruchtete sich, wie Bauhaus, Art Deco et cetera beweisen. <BR> Außerdem gibt es noch eine spezifische Aufgabe für uns, eigentlich eine Gegebenheit: Viele Menschen werden das Haus besuchen, ein gemischtes Publikum. Der eine will die Autos sehen, der andere die Beckmanns. Mit einer einzigen Eintrittskarte kann man aber alles anschauen; und so wollen wir auch den Autofreak anlocken, der nie in ein Architekturmuseum gehen würde. Wir müssen an ein großes Publikum denken, nicht an Fachleute. <BR><BR>Womit beschäftigt sich die nächste Ausstellung?<BR>Nerdinger : Wir machen mit Zürich zusammen - dort liegt sein Nachlass - die erste große Schau über Gottfried Semper. 2003 hat er den 200. Geburtstag. Natürlich zeigen wir dann auch alles über seinen Entwurf für das Münchner Richard-Wagner-Theater. Es gibt viele weitere Projekte, etwa über die 50er-Jahre. Jetzt wird langsam deren Bedeutung erkannt als Epoche des Aufbruchs. <BR><BR>Wir sind ständig von Architektur umgeben, werden durch sie geprägt, trotzdem ist das Wissen um Architektur nicht sehr umfangreich . . .<BR>Nerdinger : Ja, man beginnt jetzt vermehrt, Architektur und Wahrnehmung, Architektur und Psychologie zu erforschen. Wie werden Menschen durch die Architektur, auch durch die Raumformen zwischen den Häusern, durch die Wohnungen in ihrer Denkweise, in ihrem Verhalten beeinflusst? Es stimmt der Satz: Wir werden in einem Haus geboren, wir leben in einem Haus, und wir sterben in einem Haus. Diese erste Ausstellung soll durchaus ein Weg in diese Richtung sein: den Leuten zu zeigen, was steckt dahinter. Wenn ich das weiß, kann ich mich mit der Stadt, mit der Umgebung kritisch auseinander setzen. Das Architekturmuseum soll ein Ort der Diskussion sein, ein Ort, wo ständig über Architektur verhandelt wird. Außerdem haben wir endlich einen Ort, wo internationale Ausstellungen Halt machen können. Bisher sind alle an München vorbeigegangen. Nur durch solche Präsentationen gewinnt der Bürger Maßstäbe.<BR><BR>Im Rückblick auf die zehn Jahre Planungszeit: Was hat Sie am meisten bewegt?<BR>Nerdinger : Schrecklich war, als Stoiber 1993 die Pinakothek der Moderne gekippt hat und in der Regierungserklärung sagte, "ist wünschenswert, aber nicht notwendig". Wenigstens gab es die kleine Hintertür der Spenden. Da entstand die Stiftung , und die Bürger brachten 20 Millionen Mark auf; alles ist zu einem guten Ende gekommen . . .</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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