Wo bin ich eigentlich am rechten Platz?

- Das hatte es noch nie gegeben: Als im Juli 2003 nach dreijähriger Wartezeit Joanne K. Rowlings "Harry Potter and the Order of the Phoenix" beim englischen Verlag Bloomsbury herauskam, da sah sich die altehrwürdige Bestsellerliste des "Spiegel" veranlasst, ihre Aufnahmekriterien zu ändern und zukünftig neben Büchern auf Deutsch auch fremdsprachige Literatur im Original zuzulassen. Viele schienen die Vorstellung nicht zu ertragen, noch einmal vier Monate warten zu müssen, bis am 8. November die deutsche Übersetzung des Bandes bei Carlsen herauskommt.

<P>Rowlings Englisch ist bei aller Klarheit durchaus ausgefallen, ihr Wortschatz reich und teilweise so ausgesucht, dass auch englischsprachige Kinder zum Lexikon greifen oder ihre Eltern fragen müssen. Ohne mehrere Jahre Englisch-Unterricht und ohne Wörterbuch für Deutsche ein sinnloses Unterfangen, sich an den Wälzer über Harrys fünftes Jahr an der "Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry" zu wagen.</P><P>Die vielen, die es taten und so das Buch zum meistverkauften in Deutschland machten, sind also keine Kinder mehr; sie rekrutieren sich zu großen Teilen aus Jugendlichen und Erwachsenen. Dass Rowlings liebevoll ausgetüftelte Zauberwelt Kinder überall in ihren Bann zu ziehen vermag, dass die literarische Figur Harry Potter ihren gleichaltrigen Lesern reichlich Projektionsfläche bietet - kein Wunder. Was aber fasziniert Bankangestellte oder Gymnasiallehrerinnen derart an einem englischen Kinderbuch?</P><P>Gerade widmete sich die Zeitschrift "Psychologie heute" einem Thema, dem Therapeuten und Soziologen in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit schenken und das in diesem Zusammenhang aufschlussreich erscheint: der Identität. Sich selbst durch ein Menschenleben mit all seinen Brüchen und Veränderungen hindurch dennoch immer wieder als der/die Gleiche, als Ich mit verlässlicher Kontinuität zu erleben - also Identität zu erwerben und aufrecht zu erhalten. In den westlichen Gesellschaften ist das im Zeichen einer immer weiter fortschreitenden Individualisierung zu einer Lebensaufgabe geworden, der sich keine frühere Generation in einem solchen Ausmaß zu stellen hatte.</P><P>Wer man ist, für sich, im Verhältnis zu anderen, was einen ausmacht - die Vielzahl der heutzutage möglichen und kombinierbaren Lebensentwürfe hat neben vielen Chancen auch viel Verunsicherung mit sich gebracht. Die aber blieb wenig bedrohlich, solange die eigenen Identitäts-Experimente wenigstens selbst gewählt und damit steuerbar waren. Dann aber kamen Entwicklungen wie die Globalisierung und Ereignisse wie der 11.September. Die mit ihnen einhergehenden politisch-ökonomischen Umwälzungen stellten in den westlichen Gesellschaften, in Deutschland allemal, Identität auch in einer Art in Frage, die als unbeeinflussbar und damit - im schlimmsten Fall - als existenziell bedrohlich erlebt wird: Was bedeutet es für das Selbstverständnis, wenn der arbeitslos gewordene Ingenieur demnächst Würstel verkauft?</P><P>Zuflucht in fremder Welt</P><P>Und was hat das alles mit Harry Potter zu tun? Joanne K. Rowlings Geschichte von dem Jungen, der mit zehn Jahren erfährt, dass er kein "Muggel", sondern ein Zauberer ist, stellt im Kleide des Kinderbuchs Identitätsfantasien von höchster Suggestivität bereit; sie ist par excellence ein emotional-kindlich nachvollziehbarer Gegenentwurf zur real existierenden Lebensverunsicherung: Denn<BR>trotz aller damit einhergehenden Widrigkeiten ist Harrys Geschichte die Geschichte einer gelingenden Identitätsfindung - hinaus aus einer Menschenwelt, die als fremd und lieblos erlebt wurde, hin zu einer magischen Welt, die es erstmals dem Waisen ermöglicht, seinen eigenen Regungen und Fähigkeiten gemäß zu leben, die ihm die nötigen Bundesgenossen, Vorbilder und Gegenspieler bereitstellt und die letztlich dem Heranwachsenden die Lebensfrage "Wo bin ich eigentlich richtig?" mit "hier" beantwortet.</P><P>So werden in Deutschland in Zeiten unabsehbarer Veränderungen auch weiterhin Erwachsene, mitten im Leben stehend, Patchwork-Existenzen verhaftet, sich wegfantasieren in burgartige Zauberei-Schulen, zu Freunden, auf die man sich verlassen, und zu Lehrern, die man achten kann, zu Gefahren, die die Chance bieten, sich zu bewähren. Die Mühe, ein englisches Buch zu lesen, wird angesichts solcher Tiefensehnsüchte auch dann wieder kaum eine Rolle spielen, wenn der sechste Band der Saga erscheinen wird. Wann ist es denn endlich so weit?</P>

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