Dagmar Manzel sang in der „Alten Rotation“, der Veranstaltungshalle unserer Zeitung, Lieder von Werner Richard Heymann/Robert Gilbert, Bertolt Brecht/Kurt Weill und Brecht/Hanns Eisler. Foto: Oliver BoDmer

„Ein Freund, ein guter Freund“

München - Sie hat Starqualitäten, aber keine Diven-Allüren: Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel spricht im Interview über Lied-Programme, ihre Pläne, die Kunst und den Tod.

Ob Schauspielklassiker oder Operette, ob Spielfilm oder Fernsehen – Dagmar Manzel, die viel zu selten in München spielt und singt, ist eine der profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands: Wenn sie irgendwo mitwirkt, dann lohnt es sich, das auf alle Fälle anzuschauen – nur wegen ihr. Das bedeutet: Sie hat Starqualitäten. Aber keine Diven-Allüren, wie sie bei ihrem Liederabend für den Münchner Verein lebensmut in der Veranstaltungshalle unserer Zeitung mit Heymann-, Brecht-/Weill- oder Eisler-Songs bewies (s. Menschen-Seite). Ausgepumpt von einer Vorstellungsserie in Berlin probte sie bei uns dennoch so entspannt wie konsequent mit ihrem Pianisten Tal Balshai und war dann noch zum Gespräch bereit.

Wenn es um eine Benefizveranstaltung mit einem so sensiblen Thema wie Krebs geht – klopft man das Programm genau ab? Macht man sich Sorgen um die Stimmung?

Nee. Es gibt ja nicht das Programm. Ich habe einen Heymann-Abend und die CD gemacht; es gibt ein Eisler-Konzert, und Weill singe ich an der Komischen Oper in Berlin. Ich habe nun Lieder ausgesucht, die bewegen, die auch Geschichten erzählen; natürlich auch einige Heymann-Werke, die witzig sind und einen direkten Zugang zum Zuhörer haben.

Geht ein Künstler aufmerksamer mit dem Tod um: Er stirbt so manchen Bühnentod, mordet dort oder kämpft im Film ums Überleben?

Ich weiß nicht... Wenn einem so etwas passiert, ist man davor auch nicht geschützt. Man hat vielleicht keine so großen Berührungsängste, aber das muss jeder, unabhängig von seinem Beruf, für sich ausmachen, wie er mit dem Thema Tod umgeht. Ich finde es wichtig, dass man sich dem stellt. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich jemanden beim Sterben begleitet habe, dass es für den Sterbenden wichtig ist, nicht allein zu sein. Für den, der zurückbleibt, ist es genauso wichtig, Beistand geleistet zu haben. Es gibt viel Kraft. Bewusst Abschied zu nehmen ist ganz, ganz wichtig. Jemanden, der stirbt, abzuschieben – das tut einem selber nicht gut. Man muss sich immer vorstellen, was man sich selbst wünschen würde, wie die anderen Menschen mit einem umgehen sollen.

Und da ist die Unterstützung durch die Kunst sekundär?

Nein, eigentlich nicht. Daniel Barenboim hat sinngemäß gesagt, die Musik sei für ihn der Weg, mit dem Tod umzugehen. Ja, man stellt sich künstlerisch diesem Phänomen. Kunst ist eine große Hilfe – Musik vor allem ist Lebenshilfe, Lebenselixier. Darum mache ich das ja!

Wenn man ein Programm entwickelt, ist man sein eigener Regisseur. Ist das befreiend?

Na ja...das ist ein langer Prozess. An Heymann haben wir zwei Jahre, an Eisler ein Jahr gearbeitet. Tal Balshai und ich haben uns immer wieder getroffen. Von den 40, 50 Liedern, die wir bieten, hatten wir vorher 60, 70 einstudiert und ausprobiert, um zu kucken, welches Lied uns beide anspringt. Dann hat sich das herauskristallisiert – und der Abend entwickelte eine Eigendynamik, sodass man wusste, wo’s langgeht.

Entsteht dabei auch das Gefühl: Ich möchte Regie führen?

(Schmunzelt.) Nein, ich habe jetzt so viele Projekte vor mir. Dafür ist noch nicht Zeit.

Was steht an?

Einige Konzerte und Reisen, etwa mit dem Philharmonischen Salon nach London. Mit den Berliner Philharmonikern plane ich ein Neujahrskonzert, und im kommenden Jahr bin ich mit einem Brecht-/Weill-/Eisler-Programm in Augsburg zu Gast (beim Brechtfestival ab 1. Februar, Anm.d.Red.). An der Komischen Oper – das ist dann dort schon meine fünfte Produktion – singe ich die Madeleine in Paul Abrahams „Ball im Savoy“. Ich habe da außerdem „Sieben Todsünden“, „Weißes Rössl“, „Kiss me, Kate“ laufen. Dann habe ich einen Film abgedreht, „Stiller Sommer“, eine Liebesgeschichte, und nächstes Jahr steht einer an über Lou Andreas-Salomé, tolle Frau. „Pierrot lunaire“ von Arnold Schönberg bereite ich vor. Es gibt ganz viel...

Und ein Auftritt im Sprechtheater?

2015 bin ich in Berlin in einer Theaterproduktion – das steht fest.

Sie dürfen noch nichts verraten, was?

(Strahlt.) Es ist was ganz Tolles – ein Klassiker. Ein weiteres Stück würde ich sehr gern spielen, aber da muss ich noch schauen: wo und wann.

Sie traten jetzt für lebensmut in München auf. Für „Blaubeerblau“ haben Sie hier gedreht. Aber wie ist es mit einem richtigen Gastspiel, ob nun spielend oder singend?

Liebend gern, wenn ich eingeladen werde! Da würde ich mich sehr freuen. Ich war immer gern in München (2001, Kammerspiele, Jon Fosses „Traum im Herbst“).

Welche Songs, Schlager, Kunstlieder und und und sind Ihnen am liebsten? Müssen Sie die Schauspielerin reizen oder eher die Stimmbänder?

„Die sieben Todsünden“ waren seit langem ein Traum, seit vielen, vielen Jahren. Aber die Zeit muss erst kommen: Man muss einen Regisseur, ein Haus, ein Orchester haben. Das war für mich eine ganz große Herausforderung. Bei den zeitgenössischen Kompositionen (Michael Jarrell mit „Cassandra“, Anm. d. Red.) ist man auf mich zugekommen – auch bei Hanns Eisler. Ich war erstaunt, was er für wunderbare Lieder geschrieben hat. Ich hatte ihn gar nicht wahrgenommen für mich. Ich habe mich mehr mit Musical, Operette oder Heymann beschäftigt. Das sind alles verschiedene Reisen.

Werner Richard Heymann, Brecht, Eisler, Weill – bei den drei Letzteren ist einem trotz guter Unterhaltung der ernste Hintergrund klar. Bei Heymann nicht – erst, wenn man weiß, dass er Jude war.

Ich kannte einige Heymann-Lieder, die man nicht mit ihm verbunden hätte. Er hatte auch viele Walter-Mehring-Texte vertont: „An den Kanälen“, „Die Kälte“. Heymann ist so reich. Das war bei dem Heymann-Abend die Aufgabe für mich, dass ich diese Vielfalt, seine Wege, auch seine musikalischen Wege, aufzeige: vom Kunstlied über Mehring-Themen bis hin zu Robert-Gilbert-Texte.

Heymanns Lied „Ein Freund, ein guter Freund...“ erschaffen Sie faszinierend neu.

Tal Balshai hat das Lied in Moll transponiert, denn ich kann es so, wie man es kennt, nicht singen. Das geht nur, wenn die Lieder durch mich hindurchgehen, wenn die was mit mir zu tun haben. Die ursprüngliche Fassung hat keinen Bezug zu mir – aber: Ich wollte dieses Lied singen, also musste ich einen Weg finden. Jetzt bekommt der Text eine Tiefe – man hört das Lied ganz anders.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Der Ausblick auf den Oberammergauer Theatersommer 2018 und auf die Passionsspiele 2020 zeigt: Alte Volkshelden sind in einer Zeit, in der die Tyrannen-Flut wieder …
Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat bezaubernde, starke, mutige Bücher von 2017 gelesen, die auf eine …
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
„Mit Rechten reden“ ist eine Streitschrift über den Umgang mit AfD-Sympathisanten. Sie nähert sich dem Thema mit Logik, Polemik und Ironie. An diesem Donnerstag ist …
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht
Der Sänger Perfume Genius musste sein Konzert in München aus gesundheitlichen Gründen absagen. Eigentlich wäre er vergangen Mittwoch im Hansa 39 auf der Bühne gestanden. 
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht

Kommentare