Die Sonne strahlte in ihr Gesicht – und die Herzen flogen Amanda Gorman zu, als sie ihr Gedicht vor dem US-amerikanischen Kapitol vortrug.
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Die Sonne strahlte in ihr Gesicht – und die Herzen flogen Amanda Gorman zu, als sie ihr Gedicht vor dem US-amerikanischen Kapitol vortrug.

Die 22-jährige Lyrikerin Amanda Gorman appellierte für ein friedvolleres Miteinander

Ein Gedicht! Das ist die Lyrikerin Amanda Gorman, die bei Bidens Amtseinführung begeisterte

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Ihre Waffe ist das Wort. Als Amanda Gorman am Mittwoch bei der Amtseinführung Joe Bidens ein selbst verfasstes Gedicht vortrug, fragten sich deutsche Zuschauer: Wer ist diese talentierte junge Frau? Wir stellen sie Ihnen vor.

  • Amanda Gorman ist 22 Jahre alt
  • Sie hat einen Harvard-Abschluss in Soziologie
  • Drei Bücher sind bereits von ihr erschienen - bisher nur auf Englisch

An ihrem schmalen Finger trägt sie einen großen Ring. Darauf: ein Vogel im goldenen Käfig. Es ist ein Symbol mit doppelter Bedeutung. Amanda Gorman, 22, Harvard-Absolventin, die bei Joe Bidens Amtseinführung mit dem Vortrag eines von ihr verfassten Gedichts begeisterte, möchte kein Vöglein hinter Gittern sein. Und will auch anderen zur Freiheit verhelfen. Ihre Waffe im Kampf für die Rechte von Schwarzen, von Frauen, von in irgendeiner Weise Unterdrückten, ist das Wort.

Die zweite Bedeutung des auffälligen Rings, auch der Kreolen in ihren Ohren, liegt in dem Respekt, den die junge Frau damit einer älteren zollt. Es ist Schmuck von Maya Angelou (1928-2014). Jener schwarzen Bürgerrechtlerin und Lyrikerin, die drei Jahrzehnte zuvor an selber Stelle poetische Worte in die Welt schickte. Am 20. Januar 1993 war das, zur Amtseinführung Bill Clintons. Oprah Winfrey, eine Freundin Angelous, gab Amanda die bedeutungsschweren Stücke. Eine Linie wird damit fortgesetzt. Hier erklimmt eine weitere Frau den Hügel, den es zu meistern gilt. So heißt ihr Gedicht, mit dem sie vom Kapitol aus Millionen beeindruckt: „The Hill we climb“ – Der Hügel, den wir erklimmen.

Eine Million neue Follower gewann sie über Nacht

Die US-Amerikaner beherrschen die große Inszenierung. Auch am Mittwoch: ein Meer aus Landesflaggen, viel Pathos, mancher Moment wie aus dem Disneyfilm. Als aber Amanda Gorman mit einem von Sonne beschienenen Strahlen im Gesicht zu sprechen beginnt, hat das nichts von Show. Diese Frau hat eine Mission. Und freut sich am folgenden Tag über die eine Million Follower, die über Nacht auf ihrem Instagram-Profil dazu gekommen sind, vor allem deshalb, weil sie auf diese Weise Mitstreiter für ihre Sache gewinnen kann. In einem Video sieht man sie fassungslos vor dem Laptop sitzen. Auf dem klebt ein Sticker mit der Aufschrift „Do something that matters“ – tue etwas Bedeutsames.

„Ich wäre fast gestorben“ - vor Glück! Amanda Gorman auf einem Selfie mit ihrer Mutter und den Obamas.

Tut sie. Ihr Gedicht ist ein hoffnungsvoller Aufruf an ein Land, das vor der Katastrophe steht, aber jetzt die Chance hat, umzukehren. Eindeutig spielt Gorman auf Trump an, wenn sie schreibt: „We’ve braved the Belly of the Beast“ – „Wir haben dem Bauch der Bestie getrotzt.“ Doch: „Somehow we’ve weathered and witnessed“ – „Irgendwie haben wir es überstanden.“ Sie selbst ist der lebende Beweis dafür, dass die neue Richtung stimmt. „We the Successors of a Country and a Time/ Where a skinny black Girl/ descended from Slaves and raised by a single Mother/ can dream of becoming President/ only to find herself reciting for one“ – „Wir, die Nachfahren eines Landes und einer Zeit, in der ein dünnes, schwarzes Mädchen, das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde, davon träumen kann, Präsidentin zu werden.“

Glücklich schoss Amanda Gorman nach ihrem großen Auftritt Selfies mit ihrer Mutter und den Clintons. Ihr Kommentar: „Mein Selfie des Jahres.“

Amanda Gorman steht auf den Schultern von weiblichen Riesen – eine sitzt während des Vortrags neben ihr: Kamala Harris, erste US-Vizepräsidentin. Und noch eine, Jill Biden, deren Idee es war, die Lyrikerin einzuladen. Bekannt geworden ist Gorman, die einen Abschluss in Soziologie hat, amerikanischen Lesern als Autorin des Studenten-Newsletters der „New York Times“ sowie dreier Bücher (noch nicht auf Deutsch erschienen). Und nun der ganzen Welt. Durch Worte, die Maxime werden sollten für die Politik der USA – oder gleich aller Länder: „For there is always Light/ if only we’re brave enough to see it/ If only we’re brave enough to be it“ – „Es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Das Gedicht in der deutschen Übersetzung:

„Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice President, Mr. Emhoff, Bürger Amerikas und der ganzen Welt,
Wenn es Tag wird, fragen wir uns,
wo wir Licht zu finden vermögen, in diesem niemals endenden Schatten?
Den Verlust, den wir tragen,
ein Meer, das wir durchwaten müssen.
Wir haben dem Bauch der Bestie getrotzt.
Und wir haben gelernt, dass Ruhe nicht immer Frieden bedeutet.
Und dass die Normen und Vorstellungen von dem, was gerecht ist,
nicht immer Gerechtigkeit ist.
Und doch gehört die Morgendämmerung uns,
noch ehe wir es wussten.
Irgendwie schaffen wir es.
Irgendwie haben wir es überstanden und bezeugten
eine Nation, die nicht kaputt ist,
sondern einfach unvollendet.
Wir, die Nachfahren eines Landes und einer Zeit,
in der ein dünnes, schwarzes Mädchen,
das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde,
davon träumen kann, Präsidentin zu werden,
nur um sich selbst in einer Situation zu finden, in der sie für einen vorträgt.
Und ja, wir sind alles andere als lupenrein,
alles andere als makellos,
aber das bedeutet nicht, dass wir uns bemühen,
eine Gemeinschaft zu bilden, die perfekt ist.
Wir bemühen uns, eine Einheit zu erreichen, die ein Ziel hat.
Ein Land zu erschaffen, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt.
Und so richten wir unsere Blicke nicht auf das, was zwischen uns steht,
sondern auf das, was vor uns steht.
Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen,
zuerst unsere Differenzen beiseitelegen müssen.
Wir legen unsere Waffen nieder,
damit wir unsere Arme
nacheinander ausstrecken können.
Wir wollen niemandem schaden und Harmonie für alle.
Lasst die Welt, wenn sonst auch sonst nichts, sagen, dass dies wahr ist:
Dass wir, selbst als wir trauerten, wuchsen
Dass wir, selbst als wir Schmerzen hatten, hofften
Dass wir, selbst als wir ermüdeten, es weiter versucht haben
Dass wir für immer verbunden sein werden, siegreich
Nicht weil wir nie wieder eine Niederlage erleben werden,
sondern weil wir nie wieder Spaltung säen werden.
Die Heilige Schrift sagt uns, dass wir uns vorstellen sollen,
dass jeder unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum sitzen soll
und keiner ihnen Angst machen soll.
Falls wir unserer eigenen Zeit gerecht werden,
dann wird der Sieg nicht in der Klinge liegen,
sondern in all den Brücken, die wir gebaut haben.
Das ist das Versprechen:
Der Hügel, den wir erklimmen,
wenn wir uns nur wagen,
denn Amerikaner zu sein, ist mehr als ein Stolz, den wir erben,
es ist die Vergangenheit, in die wir treten,
und wie wir sie reparieren.
Wir haben eine Macht gesehen, die unsere Nation eher zerstören würde,
als sie zu heilen,
unser Land zu zerstören, wenn es dazu führe, Demokratie zu verzögern.
Und dieser Versuch war fast erfolgreich.
Doch auch wenn Demokratie von Zeit zu Zeit verzögert werden kann,
kann sie niemals dauerhaft besiegt werden.
In diese Wahrheit,
in diesem Glauben, vertrauen wir.
Denn obwohl wir unsere Augen auf die Zukunft richten,
hat die Geschichte ihre Augen auf uns gerichtet.
Dies ist die Ära gerechter Wiedergutmachung.
Wir fürchteten zu Beginn,
wir fühlten uns nicht bereit, Erben
einer solch schrecklichen Stunde zu sein,
doch in ihr fanden wir die Kraft,
ein neues Kapitel zu schreiben,
uns selbst Hoffnung und Lachen zu schenken.
Also während wir uns einst fragten,
wie wir jemals diese Katastrophe überstehen könnten,
fragen wir jetzt:
Wie könnte eine Katastrophe jemals uns überstehen?
Wir werden nicht zurück zu dem marschieren, was war,
sondern auf das zugehen, was sein wird.
Ein Land, das zwar verletzt, aber dennoch intakt ist,
gütig, aber kühn
wild und frei.
Wir werden uns nicht umdrehen
oder durch Einschüchterung unterbrechen lassen,
weil wir wissen, dass unsere Untätigkeit und Trägheit
das Erbe der nächsten Generation sein wird.
Unsere Fehler werden zu ihren Lasten.
Aber eines ist sicher:
Wenn wir Barmherzigkeit mit Macht verbinden
und Macht mit Recht,
dann wird Liebe unser Vermächtnis
und Veränderung das Geburtsrecht unserer Kinder.
Also lasst uns ein Land hinterlassen,
das besser ist als das, welches uns hinterlassen wurde.
Mit jedem Atemzug aus meiner bronzegegossenen Brust,
werden wir diese verwundete Welt in eine wundersame verwandeln.
Wir werden uns von den goldbeschienenen Hügeln des Westens erheben,
wir werden uns aus dem windgepeitschten Nordosten erheben,
in dem unsere Vorfahren zum ersten Mal die Revolution verwirklichten,
wir werden uns aus den von Seen gesäumten Städten des Mittleren Westens erheben,
wir werden uns aus dem sonnengebrannten Süden erheben,
wir werden wieder aufbauen, uns versöhnen und erholen,
und jeden bekannten Winkel unserer Nation und
jede Ecke, die unser Landes genannt wird.
Unser Volk, vielfältig und schön, wird aufstreben,
zerschunden und schön.
Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,
entflammt und ohne Angst.
Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.
Denn es gibt immer Licht,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

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