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Jan Delay blickt stilbewusst in seine musikalische Zukunft – und würde gerne eine Rock-Platte machen.

„Ein Glück, dass ich ein Pop-Schwein bin“

Jan Delay über seine neue Platte, Politik und die Gefühle, die das Münchner Polizeipräsidium in ihm auslöst

Ein herrlicher Tag auf der Dachterrasse des Hotels Bayerischer Hof. Jan Delay , bürgerlich Jan Phillip Eißfeldt , sonnt sich – ganz in Lila , vom Jogging-Anzug bis zur Kappe. Sogar die verspiegelte Brille ist lila getönt. HipHopper sind nun mal stilbewusst, sagt der 32-jährige Hamburger. „Immer die freshsten Klamotten.“ Dabei spielt Jan Delay mit seiner Band „Disko No. 1“ keinen HipHop mehr wie seinerzeit mit der Gruppe „Beginner“, sondern reinen Funk – und trägt für offizielle Fotos Anzug und Krawatte. Nie kam ein Deutscher dem amerikanischen Original „schwarzer“ Tanzmusik näher als Delay auf seiner neuen LP „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“.

-Da drüben – das moosgrüne Haus ist das Münchner Polizeipräsidium.
Denen spuck’ ich gleich mal aufs Dach.

-Die Polizei kommt in Ihren Songs nicht gut weg. Spielen da persönliche Erfahrungen eine Rolle?
Ich bin einfach so erzogen worden: Bullen sind böse. Mama hat gesagt: Die sind gefährlich. Und da hat sie Recht.

-Mama hat aber offensichtlich auch gesagt, dass man anständig und verantwortungsbewusst sein soll.
Stimmt. Das hat sie mir auch beigebracht.

-Ihr derzeitiger Hit „Oh Jonny“ zielt jedenfalls in die Richtung. Da geht es aber auch darum, ab und zu mal ein Auge zudrücken zu können.
Letztlich hat mir meine Mama auch diesen Text beigebracht. Es geht darum, sich Freiräume zu schaffen. Meine Kraft ziehe ich nun einmal aus Genuss. Den brauche ich, um Dinge anzugehen. Solange man sich bewusst ist, dass man eine kleine Sünde begeht und am Ende des Tages ein gutes Gewissen hat, ist das doch völlig okay. Wenn man jeden Paragraphen in der Bibel des Gutmenschen einhalten wollte, müsste man in einer Höhle leben wie so ein vertrockneter, spaßbefreiter Taliban.

-Auf Ihrer ersten LP haben Sie noch vermummt posiert wie ein Autonomer vom Schwarzen Block. Warum findet man heute kaum politische Inhalte in Ihrer Musik?
Die Tendenz gibt es aus zwei Gründen: Einmal, weil die Themen-Palette an explizit politischen Sachen, die mir wichtig sind, kleiner wird. Ich will mich ja auch nicht wiederholen. Außerdem mache ich jetzt Tanzmusik. Da musst Du den Kopf aus- und den Hintern einschalten. Ich habe mich nicht geändert. Ich mache einfach nur Musik. Ich bin kein Politiker, ich bin Entertainer.

-Das ist jetzt schon Ihre zweite Disco-Funk-LP. Erst haben Sie HipHop gespielt, dann Reggae – haben Sie Ihr Erfolgsrezept gefunden?
Nee, das hat nichts mit Erfolgsrezept zu tun. Bei meiner letzten Platte „ Mercedes Dance“ habe ich unwissend drauflosproduziert, dann ein paar Musiker dazugeholt und alles zusammengefrickelt. Aber während der letzten drei Jahre und der 200 Live-Konzerte mit der Band habe ich gemerkt: Ich muss nachlegen. Denn jetzt kann ich die Platte machen, die ich eigentlich mit der letzten aufnehmen wollte. Songs, die im Club laufen können zwischen „Chic“ und Johnny „Guitar“ Watson – ohne abzuschmieren.

-Sie gehen erstaunlich entspannt mit der deutschen Pop-Geschichte um: eine Cover-Versionen von Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, ein Duett mit Udo Lindenberg , jetzt eine Falco-Hommage. Ist das etwas, was man eigentlich peinlich findet und sich „trotzdem“ nutzbar macht, oder ist es wahre Liebe?
Nein. Ersteres gibt es sicher auch. Aber bei Falco und Udo und Rio Reiser , da verstehe ich keinen Spaß. Das ist echte Liebe. Und es hat die Leute schon immer komplett geflasht, dass da jemand auf sein Land und seine Geschichte eingeht und nicht zum hundertsten Mal ein James-Brown-Loop bringt.

-Sind Sie stolz, Udo Lindenbergs Karriere wieder befeuert zu haben?
Habe ich das?

-Ich denke schon.
Würde ich aber nie von mir behaupten. Ich bin stolz darauf, dass wir inzwischen schon so was wie Freunde im weitesten Sinne sind.

-Welchen großen Deutschen müsste noch gehuldigt werden?
Aus der Geschichte? Hab’ ich eigentlich alle durch jetzt. Falco war der Einzige, der noch auf meiner Agenda stand.

-Sie sind seit zehn Jahren sehr erfolgreich. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich habe das Glück, dass ich ein Pop-Schwein bin. Dass ich ein Faible habe für schöne Harmonien und Groove und auch für gute Texte, die vielleicht um ein paar Ecken denken und dadurch ein bisschen länger leben. Ich muss mich nicht dafür verbiegen: Wenn ich tanze und glücklich bin mit meiner Musik, dann wird es ein paar anderen da draußen auch so gehen.

-Mit der Gruppe „Beginner“ hatten Sie den Hit „Liebes Lied“. Den haben Sie irgendwann nicht mehr live gespielt. Warum?
Ich nenne das den „Killing Me Softly“-Effekt. Wenn ich mir die Platte der „Fugees“ angehört habe, habe ich dieses Lied immer übersprungen – obwohl ich es geliebt habe, als ich es zum ersten Mal hörte. Aber wenn es Dir überall um die Ohren gehauen wird, dann kannst Du’s einfach nicht mehr hören. Die Beastie Boys waren so ehrlich zu sich und haben gesagt: Den Hit „Fight For Your Right To Party“ werden wir nie wieder live spielen. Das haben wir als Beginner auch gesagt: „Liebes Lied“ spielen wir nicht mehr. Du wirst nur noch auf dieses Ding reduziert.

-Ist von Ihren aktuellen Liedern eines in Gefahr ?
Nein. Jetzt natürlich „Oh Jonny“, weil’s überall läuft. Aber das ist noch weit vom „Killing Me Softly“-Effekt entfernt. -Zurzeit gibt es auch einen Michael-Jackson-Effekt. Ja. Das Einzige, was mich daran nervt, ist, dass der erst kommt, wenn er tot ist. Vorher haben sie alle auf ihm rumgehackt, haben sich über ihn kaputtgelacht. Dass ein Mensch immer erst sterben muss, bis man ihm für das huldigt, was er geleistet hat.

-Da unten an der Straße steht eine Art Altar für ihn, vor dem Bayerischen Hof.
Echt? (Steht auf und schaut über die Brüstung.) Das ist für Michael? Finde ich gut. So was gibt’s in Hamburg nicht. Wieso müssen die Leute, die am meisten geben, so früh gehen? Als James Brown gestorben war, hat sogar Dieter Bohlen in einem Interview gesagt: (verstellt die Stimme): „Das is eine Ungerechtigkeit vor dem Hään. Die Leude, die so lange so geile Musik machen, müssn stärbn, und jemand wie Heino darf immer noch do rumhüpfen.“ Da dachte ich: Wou! Nich’ schlecht.

-Ihre perfekte Funk-Platte haben Sie ja jetzt gemacht. Welchen Stil könnten Sie sich noch vorstellen?
Rock. Da hätte ich Bock drauf. Aber dann richtig aufs Maul, à la „Queens Of The Stone Age“ oder die ersten zwei „Mando Diao“-Alben. Ein richtig hartes Brett. Da kämen dann garantiert auch sehr viele politische Texte drauf.

Das Gespräch führte Johannes Löhr. Das Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ erscheint an diesem Freitag bei Universal.

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