Rockavaria kehrt 2018 in München zurück – an einem ganz anderen Ort

Rockavaria kehrt 2018 in München zurück – an einem ganz anderen Ort
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Ihre Leinwand ist aus Beton und misst 22 Meter auf 11,40 Meter: Won ABC (li.) und Loomit gestalten ein Mural, das an den Widerstandskämpfer Georg Elser erinnert.

Erinnerung an NS-Widerstandskämpfer am Münchner Pressehaus

Ein Graffito für Georg Elser

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Sie sind Stars der internationalen Streetart-Szene: Jetzt gestalten Loomit und Won ABC im Hof des Pressehauses von „Münchner Merkur“ und „tz“ gemeinsam ein Wandgemälde, das an NS-Widerstandskämpfer Georg Elser erinnert. 

München – Graffiti, die Kunst der Straße, hat eine neue Heimat in München. Nahe dem Hauptbahnhof entsteht auf der Fassade an der Bayerstraße 69 ein sogenanntes Mural. Das fertige Wandgemälde wird 22 Meter hoch sein und den Widerstandskämpfer Johann Georg Elser (1903-1945) zeigen, der mit seinem Bombenanschlag auf Hitler am 8. November 1939 die Nazi-Diktatur beenden wollte.

„Magic City“ läuft derzeit in der Kleinen Olympiahalle

Gestaltet wird das Bild von Loomit und Won ABC – und wer sich ein bisschen mit Streetart auskennt, horcht bei diesen Namen auf: Die beiden Künstler gehören zu den einflussreichsten der Münchner Szene, beide verfügen international über einen exzellenten Ruf. Und sie haben mit ihren Arbeiten dazu beigetragen, Graffiti in Deutschland als Kunstform zu etablieren. Loomits Karriere begann 1983, als er den Wasserturm in Buchloe bemalte. Zwei Jahre später war er an der Gestaltung des Geltendorfer Zugs beteiligt, es war die erste großflächig bemalte S-Bahn in Deutschland. An diese Geburtsstunde der deutschen Graffiti-Szene erinnert unter anderem die Schau „Magic City“ in der Kleinen Olympiahalle.

Hier ist auch Won ABC mit einem eindrucksvollen Werk vertreten. Der Künstler hat seinen legendären Ruf spätestens, seit er 1992 eine leicht bekleidete Frau in sexy Pose auf eine S-Bahn sprühte, die Telefonsex versprach. Die Rufnummer, die Won ABC neben das Bild schrieb, war jene der „Soko Graffiti“ bei der Polizei. Nachdem der Zug vier Tage in München unterwegs war, besorgten sich die Beamten eine neue Durchwahl, genervt von den vielen Stöhn-Anrufern.

Bis Anfang August soll das Gemälde fertig sein

An der Bayerstraße unweit des Hauptbahnhofs entsteht derzeit das Elser-Mural.

Illegal arbeiten Loomit und Won ABC schon lange nicht mehr, ihre Bilder hängen heute in Ausstellungen und privaten Sammlungen. Loomit gestaltete etwa das Badezimmer von Münchens Alt-OB Christian Ude; Won ABC wurde gerade mit einer Schau im Bernrieder Buchheim Museum gewürdigt. Jetzt haben sie sich für das Projekt an der Bayerstraße zusammengetan, dieses Mural ist ihr bislang größtes gemeinsames Werk. „Ich bewundere Elser nicht nur für seine Tat, sondern auch für den frühen Zeitpunkt des Anschlags“, sagt Won ABC. „Er wollte schnell den Krieg beenden, den die Nazis entfesselt hatten. Ich finde, dass Johann Georg Elser als einer der wichtigsten und frühesten Figuren des Widerstandes zu wenig in der deutschen Erinnerungskultur präsent ist.“

Hinter der Aktion steht die Münchner „tz“, unsere Zeitung, die Stadtsparkasse, die Macher von „Magic City“ sowie die Färberei, eine Einrichtung des Kreisjugendrings. Die Idee stammt von „tz“-Chefredakteur Rudolf Bögel: „Streetart braucht große Flächen – und Streetart braucht die größtmögliche Öffentlichkeit“, sagt er. Daher sei die Fassade an der verkehrsreichen Bayerstraße ideal – nicht nur wegen der Tausenden Menschen, die hier jährlich im Herbst zur Wiesn laufen. „Das Werk von Loomit und Won ABC ist ein weit sichtbares und wichtiges kulturelles Signal im Bahnhofsviertel.“

Biografisches zu Georg Elser:

Er wollte die Welt verändern: Der Schreiner Johann Georg Elser, der 1903 im württembergischen Hermaringen geboren wurde, versteckte im Münchner Bürgerbräukeller eine selbst gebaute Bombe, die am 8. November 1939 Adolf Hitler und nahezu die gesamte NS-Führung töten sollte. Das Attentat scheiterte, weil Hitler den Saal früher als geplant verließ – Elsers Bombe explodierte 13 Minuten zu spät. Auf seiner Flucht in die Schweiz wurde er in Konstanz festgenommen. In der Folge wurde er in München und Berlin von der Gestapo gefoltert. Von 1941 an wurde Elser als „Sonderhäftling des Führers“ ohne Gerichtsverfahren zunächst im KZ Sachsenhausen, später im KZ Dachau gefangen gehalten. Am 9. April 1945 wurde er dort heimlich und ohne Urteil ermordet.Bis in die Neunzigerjahre tat sich Deutschland schwer mit der offiziellen Erinnerung an Elser. Klaus Maria Brandauer brachte mit seinem Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ 1989 den Widerstandskämpfer ins öffentliche Bewusstsein.

Unsere Streetart-Webcam:

Die Entstehung des Kunstwerks können Sie im Livestream beobachten.

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