Fernbus nach Berlin auf Autobahn verunglückt - viele Verletzte

Fernbus nach Berlin auf Autobahn verunglückt - viele Verletzte
+
Er kann auch lächeln – wenn er mag: Alexander Wesselsky, Kapitän von Eisbrecher.

Interview mit Alexander Wesselsky zum neuen Eisbrecher-Album „Sturmfahrt“

„Ein Hoch auf uns – Warum?“

  • schließen

Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und die harmlose deutsche Musikszene. 

München – An diesem Nachmittag ist die Luft drückend, am Himmel über dem Münchner Osten schiebt sich ein Gewitter zusammen. Im Konferenzraum der Plattenfirma Sony sitzt Alexander Wesselsky, um über das neue Album seiner Band Eisbrecher zu sprechen, das am Freitag erscheint. Der 48-Jährige trägt Schwarz – wie die Wolkentürme vor dem Fenster. Auch das Gespräch ähnelt dem Wetter: Während der Regen losbricht, Blitze zucken und Donner grollt, redet sich Wesselsky in „Sturmfahrt“.

In „Was ist hier los?“, dem ersten Lied des neuen Albums, zitieren Sie Brechts „Dreigroschenoper“, „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

Alexander Wesselsky: Ich bin Augsburger!

Ist das der einzige Grund, warum dieses Zitat „Sturmfahrt“ eröffnet?

Alexander Wesselsky: Nein. „Was ist hier los?“ ist nicht nur der erste Song der Platte, sondern der erste Song, den wir in dem zweijährigen Entstehungsprozess geschrieben haben. Wenn man Lust hat, sein Hirn zu benutzen, kommt man unweigerlich auf diese Frage: Was ist hier los? Was muss ich mir anschauen? „Reg’ dich nicht auf“, wird dann gern gesagt. „Bringt eh nichts.“ Da landet man eben schnell bei Brecht. Alle wollen immer nur. Wollen, wollen, wollen, wollen. Aber will man über Auswirkungen reden, heißt es: „Erst mal muss ich meinen billigen Fleischfetzen an der Theke holen, weil ich hab Unterzucker, und Fleisch ist cool.“ Das kann es nicht sein!

Das Album bleibt politisch. Später heißt es: „Wir sitzen alle in einem Boot“.

Alexander Wesselsky: Wenn diese beiden Sätze das Ding schon politisch machen, lässt das nur einen Schluss zu: Wie schlecht es um unsere deutsche Rock’n’Roll-Textlandschaft bestellt ist. Für „In einem Boot“ haben wir die Titelmelodie eines 35 Jahre alten Antikriegsfilms genommen, das Thema Krieg ausgeblendet und die Folgen von Krieg eingeblendet: Flucht, Vertreibung.

Das Lied musste also in diese Zeit?

Alexander Wesselsky: Im Ausblenden werden wir ja immer besser. Auf Facebook wird zwar viel rumgemault – aber da geht es ja um nichts, außer um: ich, ich, ich. Musikalisch passiert dagegen herzlich wenig. Wir haben diese Platte aber mit Sicherheit nicht gemacht und gesagt: Wir werden jetzt politisch. Ich maße mir nicht an, auf alles eine Antwort zu haben. Aber ich spiele in einer Rockband, das ist ein Riesenglück: Wenn mir etwas stinkt, kann ich einen Song schreiben.

Erwarten Sie von mehr deutschen Musikern, dass sie ihre Meinung…

Alexander Wesselsky: Ja! Mach mal das Radio an: Der neue deutsche Schlager ist schlimmer als der alte deutsche Schlager. Da wünsche ich mir Roland Kaiser mit seinen schlüpfrigen Texten oder Udo Jürgens mit seinen teils wirklich intelligenten Texten zurück. Heute heißt es nur noch (zitiert Liedzeilen von Andreas Bourani, Mark Forster und Wincent Weiss; Anm. d. Red.): „Ein Hoch auf uns!“ – Warum? „Wir sind groß!“ – Wirklich? „Da müsste Musik sein, überall wo du bist!“ – Echt? Das ist gepflegte Ohrenzukleisterei. Das ist mir zu eindimensional.

Ist es wirklich so schlecht bestellt um die deutsche Musikszene?

Alexander Wesselsky: Sag’ du mir, welcher deutsche Musiker mir einen Text vor die Fresse knallt, bei dem ich sage: „Oh.“ Das ist doch Sinn und Zweck von Rockmusik. Es gibt entweder die Flucht-Rockmusik: trinken, feiern, Sex. Und es gibt Typen, die ein bisschen was zu sagen haben. Jetzt frage ich mich, wo die sich gerade verstecken? Müssen wir es am Ende des Tages wirklich einzig Udo Lindenberg überlassen, der noch ab und zu einen raushaut?

Was er gut macht!

Alexander Wesselsky: Macht er super. Aber einer muss den Job ja machen. Doch was ist mit den Jungen? Ist es heute wirklich so, dass man durch die Stadt tanzt, ein Bengalo schwingt und schreit: „Alles ist so geil!“ Ist es das wirklich?

Zurück zu „In einem Boot“. Ist das eine musikalische Verneigung vor Klaus Doldingers Filmmusik oder vor Alex Christensens U96-Technoversion?

Alexander Wesselsky: (Lacht zum ersten Mal.) Hilfe! Antworten Sie selbst. Das ist das Original-Arrangement der Filmmusik – nur mit ordentlich Druck und Text. Natürlich hat keiner auch nur eine Sekunde an Herrn Christensen gedacht. Denn jeder, der sozialisiert ist wie wir, hat sich bei seiner Version damals in den Schrank gesperrt.

Was bedeutet Ihnen Wolfgang Petersens Film?

Alexander Wesselsky: Eine Menge! Schaue ich mir mindestens ein Mal im Jahr an.

Warum?

Alexander Wesselsky: Das ist ein hervorragendes Kammerspiel. Der Film bringt die Sinnlosigkeit, den Wahnsinn, den Unsinn von Krieg und das Verheizen von Menschen sehr gut aufs Parkett. Es gab in Deutschland einmal eine Zeit, in der „Das Boot“ der erfolgreichste Film war. Er wurde abgelöst von „Otto – Der Film“, dann kam „Der Schuh des Manitu“, danach „Fack ju Göhte“. Das ist die Treppe ins Nichts. Jetzt sind wir wieder am Anfang des Gesprächs: Was ist hier los? Haben wir keine Lust mehr nachzudenken? Wer zwingt uns, Trash zu feiern? Und wer hat die Kinder erzogen, die so etwas gut finden? „Das Boot“ hat damals etwas ausgelöst, man hat diskutiert und nachgefragt. Gibt es das noch? Oder geht man nach „Fack ju Göhte“ in die Schule, baut einen Papierflieger, schmeißt den und sagt: „Das ist unfassbar, ich habe einen Papierflieger geschmissen!“

Sind die Texte des neuen Albums eine Reaktion auf diese Entwicklung?

Alexander Wesselsky: Wir wollen Leute erreichen, die nicht denkfaul sind. Das mag elitär klingen, aber wer es nicht begreifen kann, an den komme ich nicht ran. Wer alles anders sehen will, den kann ich anschreien und ihm einen komplizierten Text vor die Nase halten – aber der sucht einzig nach Bestätigung seiner Wahrheit. Du kannst nur mit Leuten diskutieren, die diskussionsbereit und vor allem diskussionsfähig sind. Daran scheitert es immer häufiger. Offenbar braucht das Land einfache Antworten.

Ist Eisbrecher eine Möglichkeit, solche Entwicklungen bewusst zu machen?

Alexander Wesselsky: Nein. Um investigativ zu sein, ist ein Eisbrecher viel zu auffällig.

Doch vielleicht hat er die Kraft, Menschen zum Nachdenken zu bringen?

Alexander Wesselsky: Der Eisbrecher hat zwei Facetten: Er ist ein Riesenstahlmonster, das extrem viel vermag. Auf der anderen Seite steht die Metapher des Eisbrechens zwischen den Menschen. Das ist ein hehrer Anspruch. In den vergangenen zwei Jahren hat sich viel verändert – das musste aufs neue Album. Ich bin nicht einverstanden mit Pegida und dem permanenten billigen Europa-Bashing. Ich hole auf der Bühne nicht die Europa-Fahne raus, weil ich die Institutionen feiere und alle Entscheidungen toll finde. Aber Europa steht für die Idee des Friedens nach 1945.

Dafür lohnt es sich zu streiten.

Alexander Wesselsky:  (Lauter.) Dafür sollte man streiten und sich einsetzen – und nicht für die Holzköpfe und Betonschädel, die nur den wirtschaftlichen Vorteil sehen. Natürlich ist Europa als Wirtschaftsunion gestartet – aber vergesst nicht die Idee dahinter!

Informationen zum Album:

Eisbrecher: „Sturmfahrt“ (Sony).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Poppea in Salzburg“: Körperwelten als dünne Illustration
Die Oper zum Ballett öffnen, das ist nicht neu. Und bringt manchmal nicht furchtbar viel, wie diese Salzburger „Poppea“ zeigt.
„Poppea in Salzburg“: Körperwelten als dünne Illustration
„Didone abbandonata“ in Innsbruck: Helden mit Hormonstau
Mercadantes „Didone abbandonata“ ist durchs Raster gerutscht. Sehr zu Unrecht, wie die Innsbrucker Festwochen zeigen - trotz einer fragwürdigen Regie. 
„Didone abbandonata“ in Innsbruck: Helden mit Hormonstau
Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul gestorben
Der Schriftsteller V.S. Naipaul war nirgendwo ganz zu Hause: Auf Trinidad geboren, mit indischen Wurzeln und britischem Pass. Nun ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.
Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul gestorben
Meisterhaftes „Kriegslicht“
Michael Ondaatjes neuer Roman „Kriegslicht“ ist eine spannend erzählte familiäre Spurensuche. Lesen Sie hier unsere Kritik:
Meisterhaftes „Kriegslicht“

Kommentare