"Ein Humor für Deutsche"

München - Der US-Komiker Peter Shub führt durch das erste Münchner Varieté-Programm "Shubcraft" im neuen Gop

Varieté - das war in den goldenen 20er-Jahren der abendliche Anziehungspunkt in Berlin und anderen deutschen Großstädten. Eine rauschhafte Zeit: in der Not des Nachkriegsalltags eine Sehnsucht nach Vergessen und Leichtigkeit. Und im beschwingten Glitzerglamour von attraktiven Tanz-Girls, Kontorsionisten (Schlangenmenschen), Zauberkünstlern, Chansonniers und charmanten Conferenciers verlängerte man den Tag in die Nacht hinein. Könnte es heute, in einer ganz anderen politisch-wirtschaftlichen Situation, bei unserem Zerstreuungsluxus von zig Fernseh-Kanälen, Kino, Theater, freier Szene, bei unbeschränkten Reise- und Sportmöglichkeiten eine Renaissance dieser bunt gemischten Unterhaltungsform geben?

Der Amerikaner Peter Shub, internationaler Comedy-Star, glaubt daran. Als "Shubcraft", so der Abendtitel, geleitet er durch das Eröffnungsprogramm des neuen Varieté-Theaters Gop in der umgestalteten Münchner Kleinen Komödie am Max II. Nach seinem Bachelor of Science in seiner Heimatstadt Philadelphia wollte er eigentlich ein "ganz konventioneller Schauspieler" werden. "Aber ich habe schon in der Schule ständig herumgealbert. Meine Lehrer warnten mich immer: ,Wenn du dich nicht benimmst, landest du im Zirkus. Die ahnten nicht, dass sie Recht behalten würden. Ich landete in einem Zirkus, in Deutschland." Und hier, genauer in Hannover, wird er mit deutscher Frau und drei Kindern - "acht, fünf und zwei Jahre" - auch sesshaft, wenn dieses Attribut überhaupt auf den rastlosen Künstler Shub zutreffen kann.

Nach seiner Ausbildung 1980 bis 83 in Paris in den renommierten Pantomime-Schulen von Etienne Decroux und Philipe Gaulier und gleich einem ersten Gold Award für seine Solo-Show beim US-Mime-Festival tritt er ab 1984 in Roman Polanskis Pariser "Amadeus"-Produktion auf, mit Loriot in "Stars in der Manege", bei Comedy- und Theater-Festivals und TV-Shows in Kanada, Deutschland, Österreich, Belgien, Holland und in der Schweiz. Er tourt mit dem Circus Roncalli, er führt Regie in Varieté-Shows. Und er gibt europaweit seine Clown-Workshops. Gastieren ist ihm lieber als ein festes Zirkus-Engagement: "Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen. Ihnen beim Spielen zuzuschauen ist übrigens meine beste Inspiration." Eine kindlich kuriose Art, mit Objekten umzugehen, ist tatsächlich ein Shub-Charakteristikum: In naivem Spieltrieb verpasst er zum Beispiel einer hitzeschlaffen Basilikum-Pflanze einen Haarschnitt.

 Aber warum benutzt er, der so brillant mit Körperausdruck reden kann, auch Sprache? "Ich wollte irgendwann nicht mehr nur in einer Kategorie bleiben. Es spielt ja auch keine Rolle, was man tut, so lange man mit Freude und Leidenschaft auf der Bühne steht... Mein Humor ist ein Humor für Deutsche, weil ich einen Mann spiele, der nur ein ganz klein bisschen Deutsch spricht. Ich spiele mit den Worten, die aus meiner, also aus der Sicht eines Amerikaners besonders komisch und witzig sind. Und diesen Humor teilen die Deutschen. Und ich begebe mich in alltägliche Situationen, die jeder kennt, bei denen es leichter ist, über sich selbst zu lachen." Ein bisschen Sarkasmus würzt er aber schon hinein. "Vielleicht ist meine Bühnenfigur manchmal so ein kleiner böser Bub", gibt er zu. "Es ist nicht so leicht herauszufinden, was die Leute zum Lachen bringt, im Grunde ist es ein nie endender Prozess des Suchens. Wenn sie lachen, weiß man sofort, dass sie es lustig finden. Wenn sie nicht lachen, muss man etwas anderes versuchen. Wenn sie nicht lange genug lachen, schlafen sie ein. Aber - das ist auch okay, denn wir haben hier im Theater Kissen und Wolldecken, und sie können die ganze Nacht hier schlafen."

 So ist er, der Shub. Und so mussten ihn wohl auch seine Eltern akzeptieren, mitsamt seinem Berufswunsch. "Einverstanden waren sie erst, als ich ihnen beweisen konnte, dass ich damit eine Familie ernähren kann. Wie alle Eltern wollten sie für mich vor allem eine abgesicherte Zukunft. Aber im Leben ist nie wirklich etwas sicher. Deshalb sollte man nicht auf andere Leute hören, sondern genau das machen, für das man wirklich brennt."

Der jetzt 51-Jährige hat seinen Weg gefunden, obwohl in Amerika Clowns und Comedy-Größen wie Laurel & Hardy, Chaplin und die Marx-Brothers vor allem im Film Karriere machten. "Der Clown hat sehr wohl eine Tradition in Amerika", kontert Shub. "Vor den Comedy-Filmen gab es das Vaudeville mit Comedy, Musik-, Tanz- und Artisten-Nummern, das ja sehr lange populär war. Durch den Film brach die Vaudeville-Tradition ab. Die Marx Brothers übrigens traten zunächst in Theatern quer durch Amerika auf, machten fünf und sechs Shows am Tag, und das jahrelang. Zu ihrem Glück, das heißt zu Gunsten ihrer Gesundheit schafften sie es zum Film und mussten nicht mehr auf diese anstrengenden Tourneen gehen. Andererseits ist es schade, dass das Vaudeville durch den Film untergegangen ist", erklärt Shub.

"Es ist doch schön, mal aus den vier Wänden herauszukommen, in einem Theater eine Live- Show zu erleben, die Spannung zu fühlen, mit anderen Menschen zusammen zu lachen. Und die Münchner sind dafür bekannt, gerne und ausgiebig zu feiern. Das Nachtleben soll hier sehr rege sein. Vor dem Krieg waren Städte wie München die Mekkas des Varieté. Viele bekannte amerikanische Künstler traten hier auf", erzählt Peter Shub. "Das neue Gop-Varieté-Theater könnte genau diese Tradition wieder beleben."

Infos:

ab 5. 9. Mi./Do. 20 Uhr; Fr./Sa. 18 und 21 Uhr; So. 14 Uhr und 18 Uhr. Tel. 089/ 210 288 444, 089/54 81 81 81.

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