1. Startseite
  2. Kultur

Ein Kunstwerk auf vier Pumps: Eva & Adele mischen München auf

Erstellt:

Von: Katja Kraft

Kommentare

„Es geht nicht ums Auffallen – es geht ums Aufrütteln“, sagen Eva (re.) und Adele.
„Es geht nicht ums Auffallen – es geht ums Aufrütteln“, sagen Eva (re.) und Adele. © Marcus Schlaf

Sie sind ein lebendes Gesamtkunstwerk: Eva & Adele. Seit 30 Jahren gibt es die beiden nur noch als Einheit, ihre individuellen Biografien haben sie ausgelöscht. Nun stellen sie Werke aus 30 Jahren in der Galerie Nicole Gnesa in München aus.

Es liegt schwerer Parfümduft in der Luft. Und ganz viel Herzlichkeit. Eva & Adele sind in der Stadt – unübersehbar. Als ein Bub am Dienstagvormittag an der Galerie Nicole Gnesa vorbeiläuft, in der die Künstlerinnen gerade letzte Vorbereitungen für ihre Vernissage treffen, zeigt er aufgeregt zum Schaufenster. „Mami! Schau mal, die Frauen haben keine Haare!“ „Ja, cool, oder?“, fragt ihn der Papa. Und der Kleine: „Total cool!“ So einfach ist das, wenn die Herzen geöffnet und der Blick von Vorurteilen unverstellt ist.

Eva & Adele, dieses einzigartige Duo. 1991 sind sie wie aus dem Nichts in der Kunstwelt gelandet und wollen seither als Gesamtkunstwerk verstanden werden. Ihre individuellen Biografien und Geschlechterzuschreibungen haben sie gelöscht. Seit 30 Jahren gilt: Eva & Adele, das ist eine Einheit. Eine immerwährende Performance, wo sie gehen und stehen.

Auch in München haben Eva & Adele viele begeisterte Fans

Die beiden – Adele überschwänglich, mit lautem Lachen, mitteilsam, Eva still, bedacht, mit hintersinnigem Schmunzeln – sind weggelächelt, abgewiesen, angefeindet worden. Doch sie machten weiter mit ihrer extravaganten Zwillings-Maskerade. Sie ist ein Teil ihres Werkes. Der zweite ist, sich von jedem fotografieren zu lassen. Wer es tut, dem stecken sie eine Visitenkarte zu. Verbunden mit der Bitte, ihnen das Foto zu schicken. Diese Bilder sind Inspiration für ihre Filme, Zeichnungen und Malereien. „Als wir vor drei Jahrzehnten angefangen haben, gab es quasi ein Diktat: Wenn man Performance macht, ist das nur Fotografie und Video“, erinnert sich Adele. Und ärgert sich: „Wie kann man Künstlern überhaupt ein Diktat vorgeben?“ Völlig klar, dass sie, die die Geschlechtergrenzen so kunterbunt übermalen, auch in ihrer Kunst keine Grenzen kennen. „Ob wir jetzt einen Mantel entwerfen, ob wir Malerei im Gesicht machen, eine Leinwand bearbeiten oder einen Film drehen – wir nutzen jedes Medium voller Liebe und Leidenschaft.“

Das klingt so leichtfüßig. Doch kostet Kraft. Neulich hat sie eine Freundin, Kämpferin für Diversität und Toleranz wie sie, gefragt, woher sie die Energie nehmen, über so viele Jahre schon. Ihre Antwort: „Wir sind Vollblutkünstlerinnen. Wir glauben einfach an die Macht der Kunst. Auch wenn es oft schmerzhaft war.“

Doch hört man sie erzählen, wird deutlich, dass da noch eine andere Kraftquelle unentwegt sprudelt. Es sind die vielen Begegnungen mit anderen Menschen. Wie einmal, im Museum in Paris. Als ihnen ein schüchterner junger Mann ein Zettelchen zuschob. Darauf gekritzelt die Botschaft: „Thank you for making this World a beautiful Place“ – danke, dass Sie diese Welt zu einem schönen Ort machen. Oder der Amerikaner, der zielstrebig in New York auf sie zukam und ihnen sagte, er würde ihnen gern den Pelzmantel seiner verstorbenen Mutter Emily schenken. Der habe ihr so viel bedeutet – und nichts wäre schöner für ihn als die Vorstellung, dass dieser Mantel zu Kunst werden würde. Eva & Adele haben ihm den Wunsch erfüllt. Die Mäntel, die sie in München tragen, sind mit Emilys Pelz besetzt.

Merkur-Redakteurin Katja Kraft mit Eva und Adele in der Galerie Nicole Gnesa in München
Merkur-Redakteurin Katja Kraft (li.) traf Eva (re.) & Adele in der Galerie Nicole Gnesa in München © kjk

Der einstigen Besitzerin hätte bestimmt gefallen, wie die zwei damit durch die Innenstadt spazieren, an einem Novembertag so gülden wie der Steppstoff unterm Pelz. Wie dann ein Mädchen auf Eva zukommt, 14, vielleicht 15 Jahre alt. Und strahlend verkündet: „Sie sehen so cool aus!“ Adele lächelt. „Stimmt, das sind viele großartige Zurufe, die wir bekommen. Zeugnisse von Liebe.“

Eva & Adele wollen auch anderen Mut machen, sie selbst zu sein

Die Werke, die von morgen an in der Galerie Nicole Gnesa und im dazugehörigen Buch (Hirmer) zu sehen sind, erzählen indirekt von diesen liebevollen Begegnungen. Im besten Fall wirkt darin ihre Performance nach. Ganz so, wie es ihnen ein Sammler erzählt hat. Der hat irgendwann festgestellt, dass er in Situationen, in denen er vor schwierigen Entscheidungen steht, in seinem Haus dorthin geht, wo eins der Bilder von Eva & Adele hängt. „Weil er sich dadurch das Wagnis unserer Performance vor Augen führt – und den Mut, den wir bewiesen haben“, erzählt Adele. Und fügt lächelnd hinzu: „Die Kommunikation mit dem Bild funktioniert. Nicht nur der Austausch mit uns, sondern auch die Bilder sind Sender unserer Botschaft. Über die Zeit hinaus.“

Bis 18. Dezember Mi.-Fr., 15-17 Uhr, Sa. 11-15 Uhr, Galerie Nicole Gnesa, Kolosseumstraße 6, Innenhof.
Aktuelles Buch: „Keep the rosy Wings strong: Eva & Adele“, Hirmer, München, 168 Seiten; 39,90 Euro. Zu kaufen in der Galerie oder auch hier

Auch interessant

Kommentare