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Eine zentrale Rolle, ob architektonisch oder gesellschaftspolitisch, spielt die Opéra de Lyon. Das historische Gebäude wurde von Jean Nouvel umgebaut.

OPERNPORTRÄT

Die Opéra de Lyon: Vorbild für die Bayerische Staatsoper?

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Mitten im Leben steht die Opéra de Lyon, damit ist nicht nur das Repertoire gemeint, sondern auch ihre Stellung in der Stadt. Ein Reisebericht aus Frankreich.

Lyon - Vielleicht lehnen sie gerade an der Garderobe. Oder hinter der Tür, im Keller, egal: Skateboards, sonst zu waghalsigen Kunststücken auf dem Vorplatz genutzt, passen heute nicht. Es schüttet. Was nicht ausschließt, dass man den Kneipentrip nicht doch hier starten könnte. Mit belegten Baguettes, einer Zigarette oder, der süßliche Geruch verrät es, einem anderen Rauschmittel. Nicht am Hauptbahnhof passiert dies, sondern am Haus der Musen, die oben von der Balustrade als steinerne Schönheiten auf den Platz blicken. Es ist die Opéra de Lyon. Durchschnittsalter der Menschen unten geschätzte 25. Und angehoben wird es nur durch diejenigen, die über den kurzen roten Teppich ins Trockene eilen: Die einen feiern das gerade angebrochene Wochenende, die anderen die Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis „Macbeth“.

Berührungsängste? Keine. Eine friedliche Koexistenz. Und wem die Oper gehört, den Gästen des Verdi-Festivals oder den Feierbiestern draußen, kann man nicht genau sagen. Schuld an allem ist ein Mann, der in drei Jahren die Stadt an Rhône und Saône wieder verlassen wird. Das ist gar nicht schlimm, sein Lyoner Werk ist eigentlich vollbracht. Serge Dorny, ab 2021 Intendant der Bayerischen Staatsoper (siehe Interview), hat seine derzeitige Arbeitsstätte zum zweitwichtigsten Opernhaus des Landes nach Paris gemacht. Mit den Produktionen hat das zu tun, aber vor allem mit der Publikumspolitik, die einer Revolution gleichkam. Als der Belgier 2003 anfing, entzog er vielen erst einmal die Abonnements. Mehr freier Verkauf, das bedeutete auch: anderes Publikum, neue Altersschichten, eine deutliche Verjüngung.

Intendant Serge Dorny krempelte die Publikumsstruktur um

52 Prozent der Opernnutzer in Lyon sind heute unter 45 und 25 Prozent sogar unter 26. Gern erzählt das Serge Dorny, wobei er dazu sein hintergründiges „Ich-hab’s-immergewusst“-Lächeln aufsetzt. Und die friedliche Koexistenz setzt sich im schwarzen Zuschauerraum fort. Neben dem Träger eines kamelhaarbraunen Pullis, Parkett, Reihe sechs, sitzt der Beau im marineblauen Slim-Fit-Anzug. Nicht alle feuchten Mäntel hängen an der Garderobe, manche wurden unter den Klappsitz gestopft. Und ganz am Ende des blutrünstigen Verdi-Dramas erkennt sich mancher wieder: Regisseur Ivo van Hove erzählt „Macbeth“ als mafiosen, etwas brav aufgedröselten Intrigantenstadl einer Firma über den Dächern von Manhattan. Zum Finale brechen Bürokräfte und Revoluzzer mit Demo-Tafeln herein, die Bonzen inklusive Lady Macbeth (die vokalflackernde Susanna Branchini) und ihr Gatte (der klug gestaltende, sehr eindrückliche Elchin Azizov) sind Geschichte. Eine Regie wie maßangefertigt für die Stadt. Denn da ist zum einen das herausgeputzte Lyon mit seinen Designer-Läden oder die schnuckelige Altstadt, durch die sich am Wochenende die Touristen schieben. Aber da gibt es auch die Randbezirke, wo um die Jahrtausendwende Steine flogen, Reifen zerstochen wurden oder Häuser brannten. Der Abgrund zwischen den Schichten bleibt groß, die Lage hat sich aber beruhigt. Hier Oper machen für die ganze Stadt? Eine Herkulesaufgabe.

In diesem Jahr lockt ein Verdi-Festival

Serge Dorny hat das geschafft. Sein Haus hat sich nicht nur der Stadt geöffnet, mit Aktionen für Jugendliche, für die legendären Skater, mit Produktionen außerhalb des Stammhauses, es ist außerdem durchlässig geworden. „Ich gehe in die Oper“, das heißt in Lyon auch: „Ich setze mich einfach ins Café.“ Im Foyer und unter den Arkaden wird eigentlich ständig gegessen und getrunken. Oft gibt es auch Veranstaltungen, Jazz oder Rock, die so gar nichts mit den Aufführungen drinnen zu tun haben. Oder gerade deshalb doch.

Ein neuer, fast ungekürzter „Don Carlos“ steht im Zentrum des aktuellen Verdi-Festivals.

Einmal pro Jahr verdichten sich Dornys Anstrengungen zum Festival. 2017 holte sich Lyon drei legendäre alte Inszenierungen auf die Bühne, heuer bündeln sich „Macbeth“, ein neuer „Don Carlos“ und ein konzertanter „Attila“ zum Verdi-Festspiel. Die Herkulesaufgabe hat Daniele Rustioni zu stemmen, Lyons 34-jähriger Chefdirigent. Bei „Macbeth“ verzichtet er aufs Krachende, ist fast zu nuancenverliebt, der „Don Carlos“ überzeugt rundweg. Sehr stilsicher, sehr temperamentvoll, sehr souverän lotst der Mailänder den Riesenapparat. Tags darauf, beim konzertanten „Attila“ mit einer vokal wetterfesten Odabella (Tatiana Serjan) und einem angriffslustigen Titelhelden-Bären (Dmitri Oulianov), nochmals eine Steigerung. Die Partitur steht in hellen Flammen, das Publikum ist außer sich, auch für München ist Rustioni schon gebucht.

2021 wechselt der Intendant nach München

Nach dem langen „Don Carlos“, Filetstück des Festivals, tritt man erst kurz vor Mitternacht wieder auf den Vorplatz und hat eine Regie gesehen, die sich sehr auf die Menschen konzentriert, auf Intimes, Körperliches. Einsamkeit, Zerrissenheit, Verzweiflung, all das wird schmucklos, glaubhaft und ohne dramaturgische Presswehen im Zwielicht ausgestellt. Regisseur Christophe Honoré ist eigentlich Schriftsteller und Filmemacher – auch so ein Risiko, das Dorny gern und mit Erfolg eingeht. Sängerisch ist fast alles vom Feinsten mit Sergey Romanovsky (Titelrolle), Stéphane Degout (Posa), Eve-Maud Hubeaux (die als Eboli ihre Schönheit im Rollstuhl verfluchen muss) und Michele Pertusi (Philipp II.), einzig Sally Matthews eiert sich diffus durch die Elisabeth.

Für 2019 kündigt Dorny ein weiteres Festival an, das wieder den Spagat riskiert. Bei seiner Spielplan-Vorstellung im Ballettsaal unter der Dachwölbung, von dem man auf die Altstadt blickt, erzählt der Chef von Tschaikowskys „Zauberin“, von einer mit modernen Klängen gewürzten Fassung von Purcells „Dido und Aeneas“ und von William Kentridges berühmter, mit Puppen arbeitenden Version von Monteverdis „Ulisse“. Ob dies sein letzter derartiger Termin in Lyon sei, wird Dorny von einem Journalisten gefragt. „Non, non!“, beschwichtigt er lächelnd, drei Spielzeiten gebe es ja noch. Es klingt, als solle ein verängstigter Lyoner beruhigt werden.

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