"Ein Schauspiel mit Musik"

München - Als Liebhaber stahl er sich in die Herzen der Münchner Opernfans. Jetzt ist er bei den Vätern gelandet und musste dafür nicht einmal das Fach wechseln.

John Mark Ainsley sang an der Bayerischen Staatsoper unter anderem Monteverdis Orfeo, Mozarts Don Ottavio, den Jonathan in Händels "Saul" und den Oronte in der "Alcina". Als Bajazet in Händels "Tamerlano" ­ Premiere an diesem Sonntag im Nationaltheater, Dirigent: Ivor Bolton ­ schlüpft Ainsley nun in die Vaterrolle und rangiert endlich einmal nicht an zweiter Stelle hinter dem "Kastraten" beziehungsweise Countertenor David Daniels.

Bayerische Staatsoper: John Mark Ainsley

über seine Vaterrolle in Händels "Tamerlano"

Das freut Ainsley, und er liefert gleich die Erklärung mit, warum Händel die gängige Hierarchie durchbrach: Borosini, der den Bajazet in der Londoner Uraufführung sang, brachte Händel das Libretto von Gasparinis Oper "Bajazet" mit. Weil der Komponist den schon etwas älteren, italienischen Tenor schätzte, ließ er sich davon inspirieren und eröffnete dem Sänger mehr dramatische Möglichkeiten in tieferer Lage. "Ein Glück für uns heutige Tenöre, dass Francesco Borosini so gut war", lacht der sympathische Engländer, der den dramatischen Gehalt des "Tamerlano" gar mit Shakespeare vergleicht.

"Mich erinnert der Bajazet an König Lear. Bajazet ist ein alter Herrscher, dem die Macht von Tamerlano im Krieg geraubt wurde. Neben ihm gibt es eine starke Tochter, die er des Verrats an ihrem Volk bezichtigt, weil sie sich mit Tamerlano einlässt. Nur zum Schein, was er nicht weiß." Auch von Pierre Audis Inszenierung verrät der Tenor einiges: Als Szenerie dient eine Kopie des Innenraumes des barocken Drottningholmer Theaters. Darin steht ein Stuhl ­ Symbol für den Thron und die unterschiedlichen Machtansprüche.

In diesem traditionellen Ambiente komme es, so Ainsley, auf eine subtile psychologische Darstellung an. "Wenn wir gut spielen, können die politischen und emotionalen Beziehungen der Figuren untereinander sehr spannend werden. Als große Hilfe vom Regisseur gibt es eine Art Choreographie, in der sich Personen im Hintergrund bewegen, während vorne eine Arie gesungen wird. Es ist fast ein Schauspiel mit Musik." Für Ainsley ist es enorm wichtig, dass nicht irgendein Konzept über die Zuschauer hinwegrauscht, sondern ein "Kontakt zwischen ihnen und dem Stück entsteht".

Gleich nach dem Bajazet wartet schon der nächste Vater auf John Mark Ainsley: Idomeneo. Wenn am 18. Juni das renovierte Münchner Cuvilliéstheater mit Mozarts eben dort uraufgeführter Oper wiedereröffnet wird, ist er dabei. Er war es auch schon bei der vorigen, glücklosen "Idomeneo"-Inszenierung von Andreas Homoki. Damals übernahm er den Idamante.

Dirigent Kent Nagano und Regisseur Dieter Dorn haben sich wie ihre Kollegen damals für die Tenor-Version (Idamante wird sonst meist von einem Mezzo gesungen) entschieden. "Ich kann mit dieser Fassung gut leben. Durch die Besetzung mit zwei Männern wird das Drama realistischer. Ich hatte zunächst Angst vor dem kleinen Haus. Aber vielleicht bietet es eine Chance, weil die Zuschauer die Mimik und alle gestischen Reaktionen direkter mitbekommen."

Ainsley freut sich schon auf das Gespräch mit Dorn, mit dem er bereits bei der Uraufführung von Henzes "L'Upupa" in Salzburg zusammenarbeitete. "Ein denkender Sänger will beteiligt werden", mahnt Ainsley und setzt noch eins drauf: "Gute Sänger haben Lust, gut zu spielen und das Konzept zu verstehen. Aber normalerweise haben wir vor Probenbeginn keinen Kontakt mit dem Regisseur. Manche Opernhäuser fürchten sich geradezu davor. Sie haben Angst, dass ein Sänger absagt, wenn er das Konzept kennenlernt."

Nach neuen Projekten befragt, fällt ihm spontan erst mal eine Wiederaufnahme ein: Janá(c)eks "Aus einem Totenhaus", das er im vergangenen Jahr bei den Wiener Festwochen mit Pierre Boulez und Patrice Chéreau erarbeitete. "Die Produktion geht nach Amsterdam, Aix und 2009 an die Scala. Wenn wir uns jetzt erneut damit beschäftigen, können wir sicher noch einen Schritt weiter in die Tiefe gehen", hofft der Sänger, der sich mit Chéreau auf Anhieb bestens verstand.

Zusammen mit seinem Partner, der Konzert-Organist ist und als Professor am Trinity-College lehrt, lebt Ainsley in London. "Und in Toulouse, das neben Paris eine Stadt mit großer Orgel-Tradition ist. Es ist eine schöne Stadt mit viel Kultur und einem herrlichen Umland." Doch bevor John Mark Ainsley sich dort entspannen darf, müssen die Väterrollen in München "gestemmt" werden. Das Publikum wartet schon gespannt.

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