Regisseurin, Intendantin, Pädagogin: Brigitte Fassbaender ist nach ihrem Abschied von der Opern- und Konzertbühne gefragter denn je. foto: gilsdorf

„Ein schönes Gefühl“

München - Eine Opernlegende mit vier Karrieren: Brigitte Fassbaender feiert heute ihren 75. Geburtstag.

Mit einem Gesetz hat sie ihre Probleme. Nur 24 Stunden für einen Tag, das reicht Brigitte Fassbaender einfach nicht. Inszenieren, unterrichten, zwei Festivals (in Garmisch-Partenkirchen und Eppan) organisieren – wo bleibt da die Muße fürs Malen oder fürs Schreiben ihrer Autobiografie? Die Zeit nach der Sängerkarriere hat sie sich, so pflegt die Fassbaender zu stöhnen, anders vorgestellt. Sie, die heute ihren 75. Geburtstag feiert, ist gefragter denn je. Und einer der wenigen Opernstars, der es tatsächlich geschaffft hat, dass man nicht über ihn lächelt: Ach was, eine Sängerin, die inszeniert? Diese abfällige Frage verbietet sich seit langem. Dazu hat Brigitte Fassbaender zu viel und zu Wichtiges zu sagen, dazu zeigt sie auch zu viel von dem, was den Damen und Herren im Regiestuhl oft abgeht: Handwerk.

„Wenn man im Alter noch so gefragt ist, ist das schon ein schönes Gefühl“, sagt sie. „Und wenn es mit dem Erfolg der Inszenierungen so weitergeht: auch wunderbar.“ Die Leidenschaft für die Bühne brennt noch immer in ihr. Auch wenn man ihr das nicht anhört, diesen Sätzen, die oft im sympathisch-unwirschen Ton und mit den Dialektresten aus ihrer Geburtsstadt Berlin so hingeworfen werden.

Übrigens lodert da auch noch etwas anderes, was sie immer plagte: die Nervosität. Eine coole Theaterfrau, ob früher als Sängerin, vor einigen Jahren in Innsbruck als Intendantin oder jetzt als Regisseurin, ist die Fassbaender nie gewesen. Läuft drinnen eine ihrer Premieren, verlässt sie noch heute das Haus. Sicherheitshalber, weil sie sonst ihr Umfeld verrückt machen würde. Ihrer großen Kunst, früher im Lied oder in Opernpartien, jetzt als Ideenlieferantin für die Szene, merkt man das an. Aus dem Ärmel geschüttelt ist da nichts. Brigitte Fassbaender lebt ja Entscheidendes vor: Zwischen Erfahrung und Routine klafft tatsächlich eine Riesenspalte.

Sie, die auf ewig mit Partien wie Octavian, Sesto oder Geschwitz verbunden sein wird, fühlt sich dabei auch in die Pflicht genommen. Brigitte Fassbaender ist eine der gefragtesten Gesangspädagogen geworden. Und wer sie einmal beim Unterrichten erlebt hat, so wie neulich beim Münchner Opernstudio, der staunt. Über den Instinkt und das Wissen, mit dem sie binnen Sekunden die Probleme ihrer Schüler erfasst. Über eine Frau, die das Funktionieren des menschlichen Stimmapparats bis ins kleinste Knöchelchen und in die winzigste Nervernfaser analysiert hat. Über die Kollegialität, mit der sie dem Nachwuchs begegnet. Über eine Lehrerin, die nie von alten Zeiten plaudert und dabei den unerreichbaren Star heraushängen lässt. Und (wenn sie etwas vorsingt) über die ungebrochene Schönheit ihres herben, so charaktervollen Mezzosoprans.

Kaum vorstellbar ist bei Brigitte Fassbaender, dass sie in ihrer Münchner Wohnung oder in ihrem oberbayerischen Anwesen sitzt, um alte Platten zu hören. Die Fassbaender lebt im Jetzt, gerade weil sie mit einer Dritt- bis Viertkarriere wuchern kann. Dass sie sich 1995 von der Opern- und Konzertbühne verabschiedet hat, kurz nach dem Karrierehöhepunkt, war lange geplant. Nachlassende Kräfte und nachsichtige Fans, so etwas wollte der Star nie erleben. Was Brigitte Fassbaender noch heute vermisst, sind nicht die umjubelten Opern-Auftritte („Ich habe das schon genossen, auch wenn ich’s nie so zeigen konnte“), sondern den Liedgesang. Diese intellektuelle und technische Herausforderung, auf kleinstem Raum Großes zu sagen, hat sie geliebt, hier hat sie Konkurrenzloses geleistet – man höre dazu nur ihre Brahms-Einspielungen, das Schönste, Erfüllendste, was auf diesem Gebiet aufgenommen wurde.

Mit München hat die Fassbaender ihren Frieden gemacht, mit einer Bayerischen Staatsoper, der zu ihrem Bühnenabschied nicht viel eingefallen war. Gerne wäre sie hier auch anders tätig geworden, als Chefin des Gärtnerplatztheaters. Doch eine bizarre, auf persönlichen Verstrickungen beruhende Entscheidung brachte einen anderen an die Isar. Einen Traum hat sie freilich noch, das wäre eine Inszenierung an „ihrer“ Staatsoper, von der aus sie eine Weltkarriere startete. „Aber das wird wohl ein Traum bleiben. Ich passe nicht zu dem dort gerade herrschenden, sehr optisch orientierten Regie-Stil.“

Markus Thiel

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