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Ein Gespräch zwischen Büchern – über Bücher: Rachel Salamander und MM-Kulturchef Michael Schleicher.

„Ein Sprung ins kalte Wasser“

München - Rachel Salamander spricht im Merkur-Interview über 30 Jahre Literaturhandlung, einstige und künftige Herausforderungen sowie ihr Violinspiel.

Rachel Salamanders Literaturhandlung wird 30 Jahre alt. Die „Große Jüdische Buchhandlung für alle“, wie sie sich auf www.literaturhandlung.com nennt, ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Kulturleben. Salamander, 1949 in einem Lager für Displaced Persons nahe Deggendorf geboren, gründete nach Germanistik-Studium und Promotion 1982 die erste jüdische Fachbuchhandlung. Zum Gespräch lädt sie ins Jüdische Museum am Münchner St.-Jakobs-Platz, wo sich im Erdgeschoss die Literaturhandlung befindet.

Spielen Sie eigentlich noch Violine?

(Schmunzelt.) Leider nicht. Ich habe meine ersten Geigenstunden mit fünf Jahren im DP-Lager Föhrenwald bekommen. Später als Studentin habe ich es wieder versucht – mir hat aber die Zeit gefehlt, die man zum Üben braucht, um einigermaßen gut zu spielen.

War die Geige Ihr Wunschinstrument?

Nein, aber nachdem wir arm wie Kirchenmäuse waren, stand etwa ein Klavier überhaupt nicht zur Diskussion. Mein Vater hat darauf bestanden, dass ich ein Instrument lerne, weil er selbst gute Erfahrungen mit Musik gemacht hat: Seine Mandoline hat ihm im Krieg über viele schwere Situationen hinweggeholfen. Wenn er musizierte, hat die Welt anders ausgesehen.

Ist die Musik in diesem Punkt der Literatur verwandt – auch Bücher können die Welt anders aussehen lassen, oder?

Für mich ist Musik emotionaler, sie kann mich sehr schnell vom Alltag wegführen, was mir gefällt. Bei der Literatur spielt dagegen der Kopf immer mit: In der Lektüre kommt die Welt zu einem zurück – als Abenteuer, als fremdes Schicksal, als Lebensklugheit. Literatur ist für mich daher immer sehr viel welthaltiger als Musik.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Leseerlebnis?

Aufgewachsen bin ich ja mit der jiddischen Sprache. Die jiddischen Klassiker, zum Beispiel Schalom Alejchem oder Mendel Mojcher Sforim, wurden uns nicht vorgelesen, sondern erzählt – weil wir im DP-Lager keine Bücher hatten. Erst später konnte ich diese herrlichen Geschichten der jüdischen Welt von gestern nachlesen. Mit zwölf, 13 Jahren bekam ich „Effi Briest“ in die Hände. Ihr Schicksal hat mich getroffen. Das war das erste einschneidende deutsche Literaturerlebnis.

Blieb Ihre Begeisterung für Fontane erhalten?

Seine Sprache finde ich nach wie vor großartig. Natürlich würden wir uns heute nicht mehr so ausdrücken, die Menschen und Landschaften, die er beschreibt, gibt es so auch nicht mehr – dennoch wird in Fontanes Texten Exemplarisches über Menschen erzählt.

Die Begeisterung für die Literatur wurde Ihnen Beruf und Berufung. Sie haben einmal gesagt, das Ziel der Literaturhandlung sei es, der nichtjüdischen Welt die jüdische Welt bekannt zu machen…

Anfang der Achtzigerjahre, als ich die Literaturhandlung gründete, war das Jüdische in der deutschen Öffentlichkeit bei Weitem nicht so präsent wie heute. Wir steckten alle noch in einer tiefen Befangenheit. Viele nichtjüdische Deutsche hatten noch nie bewusst einen Juden gesehen – für so manchen war ich der erste jüdische Mensch, den sie leibhaftig trafen. Was wurde ich nicht alles gefragt! Nach meiner Herkunft, wie meine Eltern überlebt hatten oder welche jüdischen Kochrezepte ich empfehlen könne. Ein großer Teil der Gespräche kreiste natürlich um die NS-Zeit. Die einen suchten Entlastung, die anderen wollten die Kluft zwischen Juden und Deutschen überwinden. Es begann ein langer Prozess, bei dem nicht nur ich viel gelernt habe, sondern auch die Menschen, die mich bis heute begleiten. Die Impulse, die von der Literaturhandlung ausgingen, wurden positiv aufgenommen. Das zeigte sich am stetig wachsenden Interesse an unserem angebotenen Sortiment und den regelmäßigen Veranstaltungen. Viele Verlage haben unseren Slogan „Literatur zum Judentum“ aufgegriffen und Bücher zum Thema verlegt. So hat das Jüdische nach und nach öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Die Pionierarbeit der Literaturhandlung findet am Jakobs-Platz ihre logische Fortsetzung.

Wie stark haben die Anfangsjahre Sie emotional beansprucht?

Es war wie der Sprung ins kalte Wasser. Aber da ich zu Beginn so konzentriert darauf war, die Literatur zum Judentum zusammenzutragen, sind mir die psychischen Strapazen gar nicht so sehr bewusst geworden. Viele Besucher und Kunden hatten das Bedürfnis, sich auszusprechen, ihre Sicht des deutsch-jüdischen Dilemmas bestätigt zu finden. Man hätte eine Couch in meinen Laden stellen können für psychoanalytische Sitzungen. Manchmal habe ich mich nach Ladenschluss wie eine Zitrone ausgequetscht gefühlt.

Dabei ist die Literaturhandlung inhaltlich breit aufgestellt: Sie haben die israelischen Erzähler, jüdische Stimmen der Gegenwart, die Literatur der Vertriebenen. Störte es Sie, dass dennoch jüdische Kultur sehr oft nur im Zusammenhang mit der Shoah wahrgenommen wurde?

Nein. Ich fand die Ehrlichkeit erleichternd, dass Leute zugegeben haben, wie sehr sie von der NS-Zeit geprägt worden sind.

Wie hat sich die Literatur zum Judentum verändert?

Die Zahl der Bücher zum Nationalsozialismus ist etwas zurückgegangen, dafür aber sind Standardwerke erschienen wie Saul Friedländers eindrucksvolle zwei Bände „Das Dritte Reich und die Juden“. Die Biografien Überlebender nehmen naturgemäß ab – Fragen aber über die Restitution haben zugenommen. Eines der letzten noch nicht aufgearbeiteten Gebiete. Dabei geht es um hohe Sachwerte, wenn Sie nur an die Raubkunst denken.

Durch das Sterben der Zeitzeugen wird die Shoah immer mehr zum historischen Ereignis. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Wenn die Zeitzeugen von uns gehen, verschwindet eine authentische Quelle, die Geschichte zu deuten. Keiner von uns aus der zweiten Generation – obwohl wir mit den Geschichten der Überlebenden aufgewachsen sind – wird je sagen können: „Ich erinnere mich.“ Wir erinnern uns an die Erzählung, nicht an das Geschehen. Ich frage mich, ob uns Autorität zugesprochen sein wird, wenn es wieder einmal um die Deutung der NS-Geschichte gehen sollte. Nur: Solange die Menschen einander zuhören, schlagen sie sich nicht die Köpfe ein.

Reizt es Sie nicht, Ihr Leben aufzuschreiben?

(Lacht.) Das wurde ich schon häufiger gefragt. Solange ich im aktiven Leben stehe, kann ich mich nicht zum Gegenstand einer Biografie machen. Sie ist ja noch nicht abgeschlossen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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