Wie eine Atombombe

München - Auf zwei Spielzeiten verteilt präsentiert Mariss Jansons mit seinem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks einen Beethoven-Zyklus. Zum Saisonstart dirigiert er heute und morgen in der Münchner Philharmonie die siebte und achte Symphonie - plus eine Uraufführung: Komponist Jörg Widmann ließ sich vom großen Kollegen zur Ouvertüre "Con brio" inspirieren.

-Ist Beethoven ein rücksichtsloser Komponist?

Bei "Missa Solemnis" oder manchen "Fidelio"-Stellen stößt man gewiss an Grenzen. Aber umso besser! Ich hatte immer Phasen, in denen ich mich mit einem Komponisten beschäftigt habe. Jetzt ist es eben Beethoven. Und da ist es mir egal, wie schwierig seine Musik ist. Ich will und muss sie einfach jetzt aufführen. Otto Klemperers Tochter sagte mir einmal: Mein Vater hat ein ganzes Leben mit Beethoven gekämpft. Es ist doch unglaublich, wenn ein großer Beethoven-Dirigent so etwas über sich sagt.

-Als Ihr BR-Orchester unter Lorin Maazel einmal in China gastierte, wurden Brahms oder Strauss höflich beklatscht, Beethoven dagegen gefeiert. Spricht er eine universale Sprache?

In der New Yorker Carnegie Hall ist uns das bei unserem jüngsten Gastspiel auch passiert. Eine Popkonzert-Atmosphäre. Es ist wohl Beethovens Energie. Wie die einer Atombombe.

-Ihre Beethoven-Aufführungen sollen ja auch veröffentlicht werden.

Auf CD und DVD. Nur: Wir wissen noch nicht, wo wir sie mitschneiden. Im Herkulessaal haben die Kameras keinen Platz, im Gasteig ist die Akustik zu schlecht. Und im Ausland, etwa in Japan im Rahmen eines Gastspiels, das ist viel zu teuer. Ein Dilemma.

-Beethoven gehört ja zum absoluten Standard-Repertoire. Was tut man, um noch etwas Neues zu entdecken?

Warum immer etwas Neues suchen? Fast jeder meiner großen Kollegen hat Beethoven dirigiert. Und dann kommt Mariss Jansons und sagt: Mir ist noch etwas eingefallen. Das geht doch gar nicht. Also nehme ich mir das auch nicht vor. Wenn es einfach passiert, während der Proben oder im Konzert, spontan und intuitiv, dann ist es wunderbar. Ich lebe diese Musik und mache sie so, wie ich sie fühle.

-Und wie motiviert man das Orchester?

Natürlich haben die das tausend Mal gespielt. Auch hier ist es wichtig, nicht etwas Besonderes zu planen. Das mag oft passieren, aber dann wird alles sofort verkrampft. Wichtig ist, eingefahrene, auch oberflächliche Spielweisen zu vermeiden. Ich trete einfach an mit meiner Leidenschaft und meiner Intuition - und versuche, das Orchester zu einer Interpretation zu bringen, als ob es diese Symphonien noch nie gespielt habe.

-Wenn Beethoven zur Tür hereinkäme, was würden Sie ihn fragen?

Ich würde ihn küssen (lacht).

-Na, ob ihm das gefallen würde...

Oh, ich würde viel fragen. Nach seinen Tempi. Vor allem würde ich fragen: Akzeptieren Sie Retuschen? In der Vergangenheit wurde das oft gemacht, Verdoppelungen in den Bläsern zum Beispiel. Ich glaube ganz fest: Würde Beethoven heute leben, dann würde er anders instrumentieren. Andererseits darf ich mich als Dirigent nicht zu viel einmischen. Früher habe ich das öfter getan. Jetzt, durch die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis, halte ich mich eher zurück. Es ist eine Frage der Interpretation. Beethovens Geist war zu stark und zu groß für seine Zeit und die technischen Möglichkeiten. Es ist, also ob man eine Jacke trägt, und die ist zwei Nummern zu klein.

-Harnoncourt meinte auch einmal, um Beethovens Schockwirkungen zu erzielen, müsste man ihn etwa im Gasteig mit 300 Musikern spielen.

Beethovens Musik ist eine Musik der Überraschungen. Die muss man auch bieten. Und wenn sich zum Beispiel ein Bläsermotiv schwer gegen den Streicherapparat durchsetzen kann, dann kommt man schon ins Überlegen.

-In einem möglichen Marstall-Saal dürften sich ja manche Probleme nicht mehr stellen...

Die Diskussion ruht, vor allem wegen der Landtagswahl. Und bis sich die künftige Regierung bildet... Ich verstehe es eben nicht: Deutschland, vor allem Bayern gibt der Welt so hohe Literatur, so gute Musik. Wo, wenn nicht hier, kann ein solcher Konzertsaal entstehen? Politiker müssen doch gar nichts von Musik verstehen, um zu einer solchen Überzeugung zu gelangen.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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