Wie eine Ausstellung entsteht

Millionen-Projekt Kunst: - Eine hübsche Menge Bilder werden in Frankfurt in den Laster gepackt, nach München an den Königsplatz gefahren, rein in den Transportlift - und dann hängt man alles ruckzuck an die Wände des Kunstbaus. Die Übernahme der Ausstellung "Gärten: Ordnung, Inspiration, Glück" des Frankfurter Städel in die unterirdische Halle des Lenbachhauses mag man sich als hingerissener Betrachter all der Gemälde-Herrlichkeit so locker vorstellen. In Wirklichkeit ist es ein gewaltiges Projekt.

"Es ist im Grunde eine neue Ausstellung", sagt Barbara Eschenburg, die verantwortliche Kuratorin. "Man fängt ganz von vorne an - als Paket war die Schau nicht zu übernehmen", denn für über 200 Werke mussten neue Leihanfragen gestellt werden. Mit Italien und Frankreich sei‘s sehr schwer, zumal in Frankreich alles zentralistisch über Paris laufe. Manche US-amerikanischen Museen fordern vermehrt Provenienz-Forschung. "Ein Palmen-Gemälde von Matisse haben wir deswegen nicht bekommen können." Aus Angst vor den Ansprüchen der Nachkommen von Beutekunst-Opfern will man in den USA alles über die Herkunft eines Gemäldes wissen. Die mühselige Detektivarbeit soll jedoch das Institut leisten, das sich die Leihgabe wünscht.

"Jetzt hatten wir es ja gut, weil wir schon alle Leihgeber kannten", meint Eschenburg, die selbst herausragende Themen-Ausstellungen fürs Lenbachhaus realisiert hat, "Kampf der Geschlechter" zum Beispiel. Hat man die Idee, müssen erst in Büchern, Zeitschriften, dann in Museen oder bei Privatleuten die ersehnten, passenden Bilder aufgespürt werden: "Und man weiß, wenn du dieses Werk nicht kriegst, kannst du die Ausstellung nicht machen!" Mit einem Drittel Absagen müsse man schon rechnen, und "da sind immer die dabei, die man am allerliebsten gehabt hätte", lacht die Kuratorin. Sie hat diese Sisyphos-Arbeit nicht zermürbt. Der Erfolg hänge mit dem Ruf des eigenen Hauses zusammen - und da gibt‘s fürs Lenbachhaus wenig Probleme.

Eschenburgs kreativem Geist ist es zu verdanken, dass die Münchner "Gärten" ganz anders angelegt sind als die Frankfurter. Das unterstreicht Museumsdirektor Helmut Friedel: "Man sieht daran, dass jede Ausstellung eben eine Interpretation ist - ähnlich wie bei einem Musikstück." Eschenburg musste nicht nur aus ästhetischen, sondern ebenfalls aus praktischen Gründen flexibel reagieren. "Die Leihgeber wussten gar nicht, dass die Schau auch nach München geht", erzählt sie. "Wer sich für drei Monate von seinen Schätzen trennt, ist nicht begeistert, wenn es plötzlich sechs sind.

Grafiken dürfen ohnehin nur drei Monate ans Licht. Die wurden komplett ausgetauscht", so die Kuratorin. Die "zweite Station" war erst im Laufe der - übrigens fünfjährigen Frankfurter Planung - ins Spiel gekommen. Kuratorin Sabine Schulze vom Städel träumte von Paul Klees "Botanischem Theater": ein so wundervolles wie fragiles Blatt, das das Lenbachhaus nie ausleiht. "Wir haben lange überlegt", so Eschenburg. "Es ist ein Geben und Nehmen." Und "nehmen" konnte man das einzigartige "Paradiesgärtlein" aus Frankfurt. Auch "so ein Heiligtum", das nicht weggegeben wird. Das mittelalterliche Gemälde reagiert, weil auf Holz gemalt, höchst empfindlich auf Bewegung und Klimaschwankung. "Das ,Paradiesgärtlein’ ist noch nie gewandert." Letztlich treffen solch heikle Leih-Entscheidungen die Direktoren.

Friedel erklärt die Versicherungsfrage: "Viele Leihgeber versichern selbst, und wir übernehmen die Prämienzahlung; oder wir versichern selbst." Der normale Satz, der verlangt wird, sei 20 Promille vom Gesamtwert. "Wir versuchen natürlich zu verhandeln." Für die "Gärten" sei mit rund einer Million Euro für die Versicherung zu rechnen - nicht umsonst ist die "Gothaer" Sponsor. Eine weitere Million Euro sei für Transport, Verpackung, Kuriere, die "ihr" Bild auf Reisen begleiten, zu veranschlagen.

Für diesen Part der Organisation sind die Registrare zuständig, in München Susanne Böller. Um mögliche Schäden zu minimieren, wurde die "extrem teure" Fracht auf drei Transporte aufgeteilt. Die Klimakisten, in denen die Gemälde ruhen, wurden zunächst für etwa einen Tag in den Kunstbau gestellt. Auf diese Weise können sich die Werke akklimatisieren. Schocks sind zu vermeiden. Zusammen mit Transporteuren und Restauratoren, gegebenenfalls den Kurieren, wird ausgepackt. Der Zustand der Bilder wird anhand von Protokollen überprüft. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter untersuchen die Experten die Flächen. Am Ende der Ausstellung wiederholt sich dieser Vorgang.

Barbara Eschenburg hat da schon längst die Hängung geplant. "Manche Kuriere fordern, dass das Bild sofort an die Wand kommt - auch wenn sonst noch nichts da ist." Eine der Schwierigkeiten. Eine andere: "Wir bekamen unerwartet doch noch den großen Bonnard. Der musste, als alles fertig war, noch eingefügt werden." Die Kuratorin hat die Ausstellung bereits fertig im Kopf, bevor auch nur ein Gemälde in Sicht ist. Nach ihrer Anordnung werden die Stellwände - Lage, Höhe, Tragfähigkeit - vom versierten Betriebsdienst gebaut. Zunächst entsteht ein Modell des Kunstbaus. "Hier im Haus haben alle zusätzliche Qualitäten", betont Eschenburg, und ein Kollege verstehe sich auf den Modellbau.

Da sie große Erfahrung hat mit den ungewöhnlichen Maßen der Halle, weiß sie, dass z.B. an der Rampe "etwas Eklatantes" die Besucher empfangen sollte. Und dann berichtet Eschenburg noch von den Plakaten und den Rechte-Schwierigkeiten, von den erklärenden Texten, die sie alle überarbeitet hat, die sie für den Hörführer entwickeln musste, von den Klebe-Zitaten an den Wänden, dem Faltblatt. Wenigstens der Katalog (Hatje Cantz Verlag) war vorhanden.

Das Lenbachhaus-Team besorgte sogar Gartenbänke für ermattete Besucher und tat sich mit dem Botanischen Garten zusammen (Führungen). Barbara Eschenburg strahlt: Die Präsentation hat sich bis in alle Details gerundet - die Besucher strömen.

Infos zu den "Gärten"

Adresse: Königsplatz U-Bahn-Mittelgeschoss; 089/ 23 33 20 00.

Geöffnet: bis 8. Juli, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.

Karten: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Führungen: Audioführer 3 Euro; VHS freitags und samstags ,16 Uhr, Tel. 089/ 23 33 20 29; mit Mitarbeitern des Botanischen Gartens: 27.4., 4.5., 1.6., 15.6., 16 Uhr; im Botanischen Garten, Menzinger Str. 65, am 12.6., 19.6., 17 Uhr; Kuratorenführungen am 11.5., 8.6., 29.6., 16 Uhr.

Barbara Eschenburg, verantwortlich für die Schau, musste auf die Schnelle den großen Bonnard (li.) "integrieren. Foto: Haag

Zentimeter für Zentimeter wird geprüft, ob ein Gemälde beim Transport Schaden genommen hat.  Foto: Schlaf

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