Eine Dame wird ausgepackt

München -Die Ausstellung "Luxus und Dekadenz - Römisches Leben am Golf von Neapel" startet am 7. Februar in der Archäologischen Staatssammlung München. Jetzt läuft der Aufbau auf Hochtouren.

Fast schneeweiß ist das Holz der hohen Kiste. Auch wenn dieses "jungfräuliche" Transport-Gefäß nicht im Museum stünde, wüsste man sofort: Darin kann nur etwas sehr Wertvolles verpackt sein. In der Archäologischen Staatssammlung an der Lerchenfeldstraße 2 haben sich gerade die Mitarbeiter der italienischen und deutschen Transportfirma sowie die Restauratoren des Archäologischen Nationalmuseums Neapel (die hiesigen müssen sich zurückhalten) zusammengefunden - zum spannenden Augenblick. Denn die Kiste wird nun geöffnet. Das Team ist perfekt eingespielt. So schnell kann man gar nicht schauen, sind die Schrauben gelöst und fast gleichzeitig fein säuberlich in ein Plastiktütchen verstaut. Energisch, zugleich zart werden die Holzwände abgenommen. Die Tochter des Balbus hat ihren Auftritt.

Die etwa 180 Zentimeter hohe Marmorstatue - der Papa steht bereits auf seinem Sockel - ist jedoch noch umfangen von Holzscheiben, in deren Aussparungen sie genau hineinpasst. Doppelkisten mit viel Schaumstoff in Zwischen- und Innenräumen haben für eine stoßfreie Reise der Dame gesorgt.

Da die Balbus-Familie zur stinkreichen Oberschicht von Herculaneum gehörte, müssen diese "Ehrenstatuen" in der Schau "Luxus und Dekadenz - Römisches Leben am Golf von Neapel" natürlich vertreten sein. Aufgestellt wurden die Denkmäler, weil Balbus öffentliche Gebäude der Stadt mit riesigen Geldsummen unterstützt hatte.

Das höhere Töchterchen steht nun im Münchner Museum fast frei da und wird auf ein Hebegerät (eine Art Mini-Gabelstapler) gehievt. Dann kommt der heikle Moment, in dem sie auf den Museumssockel gehoben werden muss. Mehrere Männer legen Hand an. Ein kurzer Warnruf des Restaurators Giovanni Cirella und die Figur steht sicher auf ihrem Platz.
"Können mal alle Leute beiseite gehen!" Gestalterin Barbara Hähnel-Bökens ist dazugekommen und will den Raum - ohne Arbeitsgewusel - auf sich wirken lassen. Nele Schröder, die der Projektleiterin Andrea Lorentzen tatkräftig hilft, dolmetscht schnell. Und die Männer räumen das Feld, damit die "Regisseurin" der Ausstellungsinszenierung den ästhetischen Feinschliff vollenden kann.

Dass sie für die Schau viel Ideen-Vorarbeit geleistet hat, ist bereits jetzt erkennbar, etwa bei der Gartenstimmung samt Vogelgezwitscher. Da wächst die Neugier auf die fertige Präsentation - zumal man beim Vor-Besuch die eingebauten Film-"Fenster" (Spielfilm und Computeranimation) schnell beäugt hat. Anderes reift noch. Zum Beispiel die Vitrinen für das luxuriöse Silbergeschirr - schließlich sind die römischen Tafelfreuden legendär. Im Moment gibt es nur ein Loch in der dunklen Stellwand. Ein Foto klebt darin, damit die Museumstechniker wissen, wohin welches Exponat platziert werden soll. Die Beschriftung ist schon angebracht. Leuchtstoffröhren liegen bereit. Die Preziosen sind allerdings noch sicher aufbewahrt, bevor sie dann hinter Glas glänzen werden.

Wie kam es aber zu der "Luxus"-Ausstellung? Sie fordert ja von allen Beteiligten eine enorme Anstrengung und von Museumschef Ludwig Wamser großes Engagement, die Finanzierung zu sichern. Unverzichtbar dabei, wie so oft, die Hilfe der Ernst-von-Siemens-Stiftung. Nach der erfolgreichen Ausstellung "Die letzten Stunden von Herculaneum" wollten die Partner - Neapel, Haltern, Bremen, Nijmegen und München - auch das römische Leben in dieser Region vor der Katastrophe des Vesuv-Ausbruchs 79 nach Christus schildern. Durch ihre Kooperation sind die Transportkosten und der Versicherungswert (60 Millionen Euro) für die beteiligten vier nördlichen Museen tragbar.

"Nach jahrelangen vertrauensbildenden Maßnahmen", so Lorentzen, seien die Kontakte zu den neapolitanischen Kollegen so vertieft, dass man volle Unterstützung erhalte. Grundsatz sei außerdem, intensiv die Region, hier Kampanien, einzubeziehen. Deswegen bekam man sogar Objekte, die noch nie ausgestellt wurden, wie das marmorne Privatbadezimmer samt Heizanlage. Außerdem restaurierten die italienischen Experten ein Jahr lang die Werke. Natürlich konnten sich die Nordlichter nicht ihre Wunschexponate im Nationalmuseum von Neapel wie in einem Kaufhaus aussuchen. "In kollegialen Gesprächen" sei festgelegt worden, was zum Thema passt und was überhaupt reisefähig sei, erklärt Andrea Lorentzen.

Reisefähig war zum Glück vieles - vom entzückenden Fresko bis zur Lotter-Liege fürs Festmahl. Und andere Überraschungen hält die Archäologische Staatssammlung obendrein bereit...

Simone Dattenberger

Informationen

Ausstellung vom 7. Februar bis 30. August, Di.-Sa. 9.30-18 Uhr, Sonntag 9.30-20 Uhr, 089/211 24 02; Katalog, Zabern Verlag: 24,90 Euro.

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