Eine einmalige Beziehung

- "Es ist nicht Ostern ohne Johann Sebastian Bach", hatte Kent Nagano bescheiden lächelnd die Zugabe angekündigt. Und dabei die Rechnung ohne die Mittelpunktsfigur des Abends gemacht.

Denn bevor das Bayerische Staatsorchester auch nur einen Ton hervorbringen konnte, erhob sich Wolfgang Sawallisch von seinem Platz in der ersten Reihe, trat ans Rednerpult, faltete ein DIN-A4-Blatt auseinander, um nun dem "verehrten lieben Kollegen" zu danken und mit den so typisch wohlgesetzten Worten festzustellen, dass er den Abend "immer in Erinnerung" behalten werde. Ein Abend gar, "der in die Geschichtsbücher der Gemeinde Grassau eingehen wird".

Das mag in seinem Münchner Tonfall auch ein wenig hintergründig geklungen haben, doch der große Dirigent hatte nicht untertrieben. Denn was für eine Geste: Kent Nagano, Sawallischs Nach-Nachfolger an der Spitze der Staatsoper, fuhr am Karsamstag mit dem Orchester in den Wohnort des 83-Jährigen unweit des Chiemsees, um dort ein Benefizkonzert zu geben. Der Erlös ging an die Wolfgang-Sawallisch-Stiftung, die seit fünf Jahren Jungtalente der Musikschule Grassau unterstützt (wir berichteten).

Draußen, auf den Parkplätzen der 6500-Seelen-Gemeinde, also eine ungewöhnliche Dichte an frisch polierten Mercedes- und BMW-Produkten, drinnen im Gasthof zur Post echte Trachtlerjugend, teure Landhaus-Imitate, vor allem aber Promis aus Kultur (Sängerin Marjana Lipovsek, Kunsthändlerdynast Konrad Bernheimer) und Politik (Landtagspräsident Alois Glück nebst örtlichen Honoratioren). Und im ersten Stock des Heftersaals, noch im Nebenzimmer, rund 30 Mitglieder des Staatsorchesters mit Nagano, die bei Spezi oder Apfelschorle auf den Auftritt warteten.

So ganz klar ist nicht, wer dieses Ereignis zu verantworten hat. Am Ende war‘s wohl Nagano, der schon zweimal bei Sawallisch in Grassau war und ihn über das Selbstverständnis der Staatsoper befragt hatte. Eine im Klassikgeschäft einmalige Beziehung, die auch dokumentiert, in welche Tradition sich Nagano stellen möchte.

Der neue GMD schlug ein Benefizkonzert im Nationaltheater vor, am Ende kam‘s nun zum Abend in der "Post". Sawallisch betrat den Saal kurz vor Beginn an der Seite von Operndirektorin Ulrike Hessler. Und als die Orchestermitglieder, die ja doch noch irgendwie "seine" Musiker sind, an der ersten Reihe vorbei zum Podium schritten, eine bewegende Szene: Sawallisch stand auf, schüttelte jedem die Hand, fand dankbare, aufmunternde Worte, um dann kritisch zu lauschen, wie der Kollege mit seinen Leib- und Magenkomponisten im Heftersaal umgeht.

Für dieses Gipfeltreffen hatte der Ortspfarrer glatt die Osternacht verschoben

Dabei ist der Raum, vor einigen Jahren renoviert und tags darauf Schauplatz des Schwanks "Der 70. Geburtstag", kein übler Ort für solche Konzerte. Helles Holz, lichte Farben und eine auf drei Seiten umlaufende Galerie lassen Wirtshaus-Muff gar nicht erst aufkommen ­ und ahnen, dass sich die Gemeinde Kulturelles gern leistet.

"Ob CSU oder jetzt schon das zweite Mal hintereinander SPD: Die Bürgermeister stehen immer auf unserer Seite", bestätigt Musikschul-Leiter Wolfgang Diem, dessen Institut in den Genuss der Stiftungsgelder kommt.

Werben musste er fürs Konzert kaum, der Stolz auf einen Ex-Musikschüler steht ihm zudem ins Gesicht geschrieben: Johannes Dengler, nobel musizierender Solo-Hornist der Staatsoper, gab ein bejubeltes Heimspiel mit Mozarts zweitem Hornkonzert. Den Rahmen dafür bildeten Richard Strauss‘ "Metamorphosen", die Nagano flüssig, ohne Pathos dirigierte, und Richard Wagners "Siegfried-Idyll", bei dem sich das Orchester vor allem auf seine butterweich klingenden Bläser verließ.

Kein ausgelassenes, eher ein auf Melancholie gestimmtes Programm. Und Sawallischs Handschlag am Ende, bei dem er zu Nagano aufsah, war mehr als ein Dank, eher eine Art Staffelübergabe. Angesichts solcher Ereignisse muss da schon mal die Auferstehung zurückstecken: Für dieses Gipfeltreffen hatte der Ortspfarrer glatt die Osternacht verschoben.

Die Abendschau des Bayerischen Fernsehens sendet heute einen Bericht übers Konzert (17.45 Uhr).

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