Eine einzige Riesenarbeit

- 1993 wurde an der Oberföhringer Straße 103, am östlichen Münchner Isar-Hochufer also, die feine, kleine Ausstellungshalle für die Sammlung Goetz eröffnet. Ingvild Goetz (von 1968 bis '84 selbst Galeristin) füllt seitdem halbjährlich mit ihren bisher 2500 Kleinodien - von der schon klassisch gewordenen Arte Povera bis zu Jung-Stars wie Tracey Emin - die Räume der Architekten Herzog und de Meuron, die mittlerweile zu internationaler Größe aufgestiegen sind.

<P>Werkgruppen und Expositionen "gastieren" außerdem in anderen Museen. Mit jeder Präsentation löst Goetz wieder Staunen aus: Was für eine Kennerin, und was sie nur alles hat! <BR><BR>Die Zeit ist schnell vergangen - schon zehn Jahre besteht Ihre Halle. Wie sind Ihre Erfahrungen?<BR><BR>Goetz : Am interessantesten ist die Begegnung mit den Besuchern. Natürlich gibt es bei vielen, die sich mit Gegenwartskunst beschäftigt haben, Irritationen bis zu Aggressionen. Wir hatten gar Objektbeschädigungen in den ersten Jahren. Zunehmend beobachten wir aber eine Bereitschaft des Publikums, sich einzulassen, den Beitrag, den wir hier privat bringen, anzuerkennen und sich intensiver auseinander zu setzen mit den Angeboten und Inhalten.<BR><BR>Wie verkraften Sie totale Ablehnung "Ihrer" Kunst?<BR><BR>Goetz : Bei Nan Goldin (sie zeigt Elendsgestalten der USA, Anm. d. R.) war das so. Besucher waren aufgebracht und protestierten. Ich versuche, den Betrachtern klarzumachen, was in ihnen abläuft. Sie müssen sich sowohl mit ihren eigenen Schattenseiten als auch dem völlig Andersartigen auseinander setzen. Hilflos machen mich nur Tränen von betroffenen Besuchern.<BR><BR>Sie werden die Räume für Filme und Videos erweitern. Wie löst man das Problem, dass Videos nicht immer in muffigen Kabuffs ertragen werden müssen?<BR><BR>Goetz : Die Vorführräume sind meistens zu klein. Wir werden 220 Quadratmeter haben, damit man Mehrfachprojektionen oder richtige Filme zeigen kann. So eine Präsentation soll den Leuten richtig Spaß machen; das ist wie in einem Erlebnispark. Schließlich ist man umfangen von der Video-Installation. <BR><BR>Sie besitzen eine hochkarätige Sammlung. Was macht einen guten Sammler aus - außer viel Geld?<BR><BR>Goetz : Für mich ist die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk entscheidend. Man muss mit Herzblut herangehen. Das ist etwas sehr Persönliches, denn ein Kunstwerk hat eine Spiegelfunktion. Durch eine Sammlung erfährt man vom Sammler mehr als diesem oft lieb ist. Außerdem ist nachhaltiger Einsatz notwendig. Man begleitet einen Künstler von seinen Anfängen an, wenn er noch unbekannt ist, und manchmal auch in Phasen schöpferischer Orientierungslosigkeit. Als Sammler braucht man Stringenz und Ernsthaftigkeit. Man kann nicht nur vermeintliche "Highlights" zusammentragen. Eine Sammlung ist unpersönlich, wenn sie öffentliche Anerkennung über Inhalte stellt.<BR><BR>Wenn man so einen Schatz besitzt, muss man auch für die Zukunft planen . . .<BR><BR>Goetz : So wie es ist, in diesem Rahmen, soll es bleiben. Ich möchte diese Sammlung nicht einfach einem staatlichen Träger übergeben, der, wie oft, keine hinreichende Pflege und Weiterentwicklung betreibt, sondern nur seine Keller füllt. Wenn möglich, soll die Sammlung hier bleiben, liebevoll betreut von einem Team und Trägern - wer immer das sein soll. Sie ist ein Gesamtkonzept, gewissermaßen eine einzige Riesenarbeit.<BR><BR>Was ist der Kern dieses Konzepts?<BR><BR>Goetz : Es gibt zwei Hauptzweige. Der eine ist ein sozialkritischer Schwerpunkt, der aber künstlerisch subtil umgesetzt sein muss. Ein Beispiel ist etwa ein Foto von Thomas Demand, das in unserer nächsten Ausstellung gezeigt wird. Es bezieht sich auf ein Bergwerksunglück, jedoch nur der Aufenthaltsraum der Bergleute ist auf dem Foto nachgestellt. Der zweite Zweig ist die Malerei. Insbesondere ihre Weiterentwicklung zu einer Zeit, da schon fast alles auf der Leinwand abgebildet worden ist. Vergangen sind die Zeiten des Minimalismus, aus denen ich noch Arbeiten habe.<BR> Die Sammlung erzieht mich auch. Für bestimmte Ausstellungen etwa ergänze ich den Bestand gezielt, kann aber anderes, was fürs Konzept unbedeutend ist, auch guten Herzens auslassen.<BR><BR>Gerade ist im Haus der Kunst "Partners" Ihrer Sammel-Kollegin Ydessa Hendeles zu sehen, die selbst Ausstellungen inszeniert, aber auch Werke entwickelt. Werden Sie auch in diese Richtung gehen?<BR><BR>Goetz : Das kleine Format ist mir lieber. Ich unterscheide mich bei den Ausstellungen darin, dass ich die Künstler sehr stark miteinbeziehe. Das tut Hendeles nicht und hat sich deswegen, glaube ich, auch mit einigen Künstlern zerstritten. Ich informiere die Künstler und presse keinen in ein Konzept, wenn er es nicht will. Die Zusammenarbeit ist dadurch sehr subjektiv und intim. Ich will den Künstler nicht uminterpretieren, damit er in mein Projekt passt. <BR><BR>Was ärgert Sie am Kunstmarkt beziehungsweise an Museen oder Kunsthallen am meisten?<BR><BR>Goetz : Dass alle hinter dem herhecheln, was gerade Mode ist. Ein Museum mit einem individuellen Konzept gibt es nur noch selten. Die Museen werden austauschbar. Das hat mir immer am Lenbachhaus gefallen, dass es eine ganz individuelle Sammlung besitzt. Trophäen anzuhäufen, ist Mode geworden, deswegen sind sich alle Häuser ähnlich.<BR> Schlimm ist auch, dass es bei vielen jungen Kuratoren an Hintergrundwissen fehlt. Sie feiern so manches als innovativ, was es zum Beispiel schon in den 60er-Jahren gegeben hat. Auch der Rückschritt in eine Pseudo-Romantik ist unerfreulich - nichts Kritisches, kein neuer Malstil, nichts, was mit der jetzigen Zeit zu tun hat. Ich möchte Künstler, die Neues kreieren.<BR></P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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