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Eine Art Engel

- Lange haben die Münchner Opernfans auf dieses Gastspiel warten müssen: Roberto Alagna debütiert an diesem Sonntag als Cavaradossi in Puccinis "Tosca". Alagna, der in den letzten Jahren oft im "Doppelpack" mit seiner Frau, der Sopranistin Angela Gheorghiu auftrat, wuchs in Paris als Sohn sizilianischer Eltern auf. Sein Durchbruch war 1990 eine "Traviata" an der Scala mit Riccardo Muti, 2001 wurde er durch einen "Tosca"-Film auch zum Kinostar.

<P>Der Cavaradossi ist, trotz Films, eine relativ neue Partie für Sie . . .<BR><BR>Alagna: Ich habe ihn bisher nur in London auf der Bühne gesungen. Also ist München, abgesehen vom Film, erst das zweite Mal. Ich sehe ihn als echten Helden, eine Art Engel. Er ist jung, kämpft für die Freiheit, ein Visionär. Und wenn er exekutiert werden soll, weiß er genau, dass es passieren wird - auch wenn Tosca ihm von der Finte erzählt, die sie mit Scarpia ausgehandelt hat.<BR><BR>Wie in "Aida" muss der Tenor in "Tosca" unmittelbar nach seinem ersten Auftreten die große Arie präsentieren. Sind das Angstpartien für Sie?<BR><BR>Alagna: Es ist wirklich schwer. Ich habe den Radames gerade in Kopenhagen zur Eröffnung des neuen Opernhauses gesungen. Man muss auf der Bühne sofort eine positive Attitüde, eine Nonchalance zeigen, obwohl man nervös ist und Schwerstarbeit wartet. Aber gut singen kann man nicht ohne Anspannung - obwohl ich auf den Stress verzichten könnte.<BR><BR>Wie fühlt man sich als "normaler" Opernsänger, wenn man, wie im "Tosca"-Film, zum ersten Mal sein riesiges Gesicht auf der Leinwand sieht?<BR><BR>Alagna: Die große Intimität des Films war natürlich neu für mich. Ich bin sehr selbstkritisch. Von daher war ich überrascht, wie natürlich ich auf der Leinwand 'rüberkomme. Die einzige Sache, die mir unangenehm auffiel, war eine kleine Zahnlücke in meinem Unterkiefer. Und sehen Sie (zeigt seine Zähne): Ich habe es richten lassen. Jetzt plane ich schon das nächste Projekt. Wir wollen den ersten Opernfilm in Echtzeit drehen und ohne Playback, also mit real aufgenommenem Ton: Leoncavallos "Bajazzo".<BR><BR>Derzeit scheint es leichter, Wagner- als Verdi-Sänger zu finden. Warum?<BR><BR>Alagna: Das liegt am Schubladendenken. Es gab Zeiten, in denen jeder alles gesungen hat, was eine große stilistische Sicherheit brachte. Außerdem konnte man Verdi früher anders singen. Die Dirigenten müssen die Orchester immer stärker im Zaum halten - wenn es überhaupt gelingt. Und manchmal sind riesige Stimmen gefordert, obwohl es gar nicht zum Charakter der Partie passt. Da haben's die Kollegen vom Schauspiel einfacher. Die unterschiedlichsten Typen können "Hamlet" spielen. In der Oper ist leider die Stimmkraft oft ausschlaggebender als alles andere.<BR><BR>Welche Rolle reizt Sie derzeit besonders?<BR><BR>Alagna: Mein Favorit ist "Cyrano de Bergerac", eine vergessene Oper von Franco Alfano. Ein nobler, sehr emotionaler Charakter. Alle halten ihn für einen brillanten Typen, aber das wirkt nur so. Er hat eben diesen Komplex wegen seiner sonderbaren Nase. Das reizt mich. Wir alle haben doch einen Komplex wegen irgendetwas. Auch Wagner würde mich interessieren. Aber das Problem ist die Sprache, die ich nicht beherrsche. Ich würde nur die Musik der Noten spüren, nie die Musik der Sprache.<BR><BR>Mit 14 sahen Sie einen Caruso-Film, angeblich war das die Inititalzündung für Ihre spätere Karriere.<BR><BR>Alagna: Ich habe eigentlich schon immer gesungen. Wie überhaupt in meiner Familie seit Generationen gesungen wird. Mein Vater war ein Freund Carusos. Anfangs war ich sehr scheu, weil ich meine Stimme schlecht fand. Ich habe mit dem Gitarrespiel angefangen, damit ich mit der Familie musizieren konnte. Für mich, den scheuen Sänger, hatte die Gitarre auch eine Schutzfunktion.<BR><BR>Und warum hat München so lange auf Ihr Debüt warten müssen?<BR><BR>Alagna: Ich weiß nicht, ich war viel beschäftigt. Und manchmal ist es schwer, nach Deutschland zu kommen. Es ist ein Land, wo furchtbar viel organisiert wird und alles reglementiert ist. Allein schon beim Frühstück im Hotel, wenn ich einen bestimmten Saft haben will. Da bekommt man zur Antwort: Es gibt nur, was dasteht. In Italien oder Frankreich ist das anders. Ich liebe das Publikum hier, aber mit dieser Disziplin habe ich manchmal Schwierigkeiten.<BR><BR>Die Münchner "Tosca" ist eine 29 Jahre alte Produktion. Eigentlich können Sie ja auf der Bühne machen, was Sie wollen.<BR><BR>Alagna: Ich mache ohnehin immer, was ich will (lacht). Ich spreche mich jedes Mal mit meinen Bühnenpartnern ab: Leg' einfach los, ich richte mich danach. Ein paar Improvisationen auf der Bühne müssen sein. Sonst wäre Oper doch schrecklich langweilig.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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