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Das Ausstellungskapitel „Schick und schrill“ zeigt die jungen, modebewussten Damen der 70er gewissermaßen auf der Straße; ganz links etwa Mary Quants Minikleid.

70er-Jahre werden lebendig

Ausstellung erinnert an Flower-Power-Epoche

München - Eine ganze Epoche auf einem Laufsteg: Das Stadtmuseum porträtiert mit der Mode-Ausstellung „Geschmacksache – Mode der 1970er-Jahre“ dieses Lebensgefühl in München.

Da ist man platt: Selbst die etwas älteren Besucher der Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, „Geschmacksache – Mode der 1970er-Jahre“, werden staunen. Was sie noch in Erinnerung haben von jenen Flower-Power-umwehten Zeiten, wird in der Schau in mehreren Kapiteln atemberaubend übertroffen. Und den jüngeren Leuten werden all ihre 70er-Klischees mit einem Rundumschlag zerschmettert. Denn wie Kuratorin Isabella Belting sagt: „Diese Mode bestand nicht nur aus Schlaghosen oder Plateauschuhen.“ Und eben nicht nur aus riesigen Blumenmustern in Orange und Braun. Denn in der Gewand-Ästhetik dieser Epoche stürzte erstmals – und endgültig – das sogenannte Modediktat. „Erlaubt ist, was gefällt“, war nun das einzige Diktat. Modetabus wurden genauso weggeschmissen wie Büstenhalter, die verpönt waren. Kleidung erzählte – und erzählt das jetzt im Museum – von politischem Freiheitsstreben, Frauenemanzipation, Sehnsucht nach Individualität und entspannter Erotik.

Kein Wunder also, dass schon in den 80ern die 70er modisch zitiert wurden, wie Belting anmerkt, und dass bis heute die Designer bei 1970er-Ideen spickten – was viele Konsumenten gar nicht merken würden. Und in der Tat ist der Jersey-Stoff allgegenwärtig wie auch so manches Muster – etwa Paisley, das ja kürzlich fröhliche Urständ feierte.

Die Kuratorin startet das optische Schaulaufen gleich auf dem Gipfel: mit Haute Couture, Prêt-á-porter und Design (ergänzend die exquisiten Fotos von Regine Relang). Da sind schon so viele hinreißende Klamotten dabei, dass du zu gern dies und das einpacken würdest. Und bereits in diesem Reigen edler Damenbekleidung – vor allem Abendgarderobe, Cocktail- oder feine Tageskleider – geht Beltings international-münchnerische Strategie wunderbar auf. Sie mischt, passend zum Stilmix der Ära, weltberühmte Namen wie Yves Saint Laurent, Mary Quant oder André Courrèges mit Münchner Größen wie Heinz Oestergaard, Rena Lange, Willy Bogner oder Winfried Knoll. Selbst Werner Wunderlich, der seine unnachahmliche und zeitlose Elegance nicht aufgab, leistete sich einen schwarzen Abendmantel mit Affenpelzbesatz (für Margot Werner).

 München war zwar nicht das Mega-Modezentrum, „war aber“, so Belting, „modisch sehr neugierig“. Deswegen schossen Boutiquen aus alten Schwabinger Gemäuern, in denen nicht nur Ingrid Steeger (Kleider sind ausgestellt), sondern auch eine junge Sängerin namens Tina Turner einkauften. Das hiesige Flair fängt die Exposition durch Accessoire-Kruschl- oder gepflegte Hüte-, Taschen- und Gürtel-Schaufenster ein, durch eine Art Live-Fotografie von Heinz Gebhardt, der ständig am Puls der Stadt war, durch die exzellenten Cover der „Madame“, die hier erschien, und ein extra Kabinett. In ihm wird das Schickeria-Gewurle zwischen Rudolph Moshammer und „Bravo“-Lieblingen lebendig, und per Film erzählen nun angegraute Zeitgenossen vom damaligen ganz normalen Wahnsinn.

"Geschmackssache - Mode der 70er-Jahre"

"Geschmackssache - Mode der 70er-Jahre"

Die Ausstellung vergisst – höchst erfreulich – nicht den modischen Alltag. Die Frau, die endlich im Beruf Karriere machen wollte, sprang natürlich im Büro nicht in Mary Quants ultrakurzem Hängerchen herum, sondern trug schwarzen Hosenanzug, der heute höchstens durch seinen weiten Schlag auffallen würde. Die Herren blieben beim Anzug, den nur die breiten, gewagt gemusterten Krawatten aufpeppen durften. Und die Kinder mussten pflegeleichte, widerlich zu tragende Synthetikstoffe aushalten.

Der Bub in Jeans, FC-Bayern-Trikot und Turnschuhen signalisiert den Gegentrend: kind-, freizeit-, sportgerecht. Und die Hippie-Gruppe: Fernweh, Freiheit (Folklore-, Ranger-Look), Anti-Konsum (Selbstgehäkeltes), Protest (Arafat-Tuch) oder gar Ironisierung des Militärs (Camouflage-Stil). Auf Glanz und großen Auftritt setzte die Jugend der 70er nur in der Disco, die ebenfalls im Stadtmuseum inszeniert wird (Ausstattung: Margot Staffa). Glitzer von Strass und Gold-/Silberfäden, hautenger Stretch und Lurex waren angesagt – genauso wie Boney M., Amanda Lear oder Santana fürs Ohr, wie die Plakate berichten. Eines davon zeigt übrigens einen kleinen Bub, der mit seinen Brüdern spielte und sang – er hieß Michael Jackson.

All das ist seither während vieler Modezyklen verschwunden und wieder aufgetaucht. Nur eine einzige hat damals überwältigend gesiegt und sich bis heute stets an der Spitze gehalten: die Jeans.

Von Simone Dattenberger

Bis 15. September, St.-Jakobs-Platz, täglich außer Mo. ab 10 Uhr;

Katalog, Hirmer Verlag: 23,90 Euro.

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