Eine Erfolgsgeschichte

Murnau - Landschaft, Menschen, Kunst: "Museumsschätze ­-15 Jahre Schlossmuseum Murnau"Der wendige Herr in seinem roten Schwalbenschwanz hat sich von seiner aufgetakelten, gwamperten Liebsten abgewandt ­ auch wenn die sich an seine Rockschöße klammert­ und küsst gerade einem zarten, jugendfrischen Mädchen die Hand. "Als Seidl in Murnau seiner alten Liebe untreu wurde" titulierte Julius Dietz um 1910 seine große Farbgouache.

Baumeister Emanuel von Seidl war damit gemeint, der München plötzlich hintansetzte, um die Vorzüge der reizenden Marktgemeinde am Staffelsee zu genießen.

Murnau, schon jahrhundertelang nicht nur ein bäuerlicher Ort, sondern auch einer des Handels (an der Straße von Italien nach Augsburg), wusste eben, wie man Gäste bezirzt. Und das weiß man heute noch. Deswegen hatte sich der Magistrat vor 15 Jahren auch entschlossen, ein professionell geführtes Museum zu eröffnen. Der mittelalterliche Wohnturm (1233) über der Hauptstraße ist das wunderbare Domizil des Schlossmuseums Murnau. Chefin Brigitte Salmen, die 1995 den Bayerischen Museumspreis einheimsen konnte, hat in den Dauerausstellungen Murnau von der Eiszeit bis heute porträtiert. Schwerpunkte sind dabei der Ort und seine Geschichte, der Blaue Reiter, Hinterglasmalerei und der Dramatiker Ödön von Horváth.

Die Themen der erfolgreichen 48 Sonderausstellungen erstreckten sich von 1993 ­ "Blauer Reiter" ­ über Wintersport in Murnau 1997 und die Malerin Marianne von Werefkin 2002 bis zur aktuellen Jubiläumsschau "Museumsschätze ­ 15 Jahre Schlossmuseum Murnau". Sie gewährt einen Einblick in die Fülle musealer Kleinodien, die noch nie zu sehen waren oder selten gezeigt werden können. Ein besonderes Glück ist, dass das Haus zwei, genauer drei neue Werke von Gabriele Münter erwerben konnte und nun erstmals vorstellt. Das Bildnis einer alten Murnauerin (1909) ­ in der Schau ist sie obendrein auf einem Foto zu erkennen ­ und der hinten (Horváth) und vorne (Landschaft) bemalte Bildträger (1931), den wir in dieser Zeitung bereits gezeigt haben. Zu diesen Höhepunkten kommen Farbholzschnitte, Zeichnungen und Gouachen von Münter und Kandinsky sowie dem Paar Franz und Maria Marc.

Parallel dazu wird mit Fotos, Plänen von Villen, Reklame, Gemälden oder dem alten Auftragsbuch eines ­ heute würde man sagen ­ Innenausstatters geschildert, wie die großkopferten Sommerfrischler den Markt (auch architektonisch) umgekrempelt haben. Selbst der große Max Reinhardt inszenierte dort den "Sommernachtstraum" mit dem Bühnengott Moissi, weil die Königinnen beider Sizilien und Belgiens zu Besuch waren. Der Depotschrank mit seinem Sammelsurium vom Firstalm-Stuhl über eine Steinbruch-Sirene bis zur Reise-Palette für Maler macht deutlich, wie vielfältig das Museum sammelt und wie viel es zu bieten hat.

Dazu gehört der Schatz an Hinterglasmalerei, der mit der frisch hinzugekommenen Sammlung Gartner exzellente Stücke gewonnen hat, etwa das imposante Barockwerk "David und Goliath". Dazu gehören außerdem interessante Menschen aus Film, Literatur und Theater. Der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau ­ die Zelluloidrolle von "Tabu" erinnert daran ­ nannte sich (eigentlich Plumpe) sogar nach dem Ort. Autoren wie Ota Filip sind mit Büchern vertreten, Schauspieler wie Erika Berghöfer, Frau von Opernsänger Keith Engen, mit einer Kritik-Mappe. Auch das spätere 20. Jahrhundert ist vom Gemälde (Hannah Höch) bis zum Foto (Ruth Rall) abwechslungsreich präsent.

Bis 22. Juni, Di.-So. 10-17 Uhr, an Feiertagen geöffnet, auch Ostermontag, Tel. 08841/ 476-207

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