S7 und S20: Bis zu 20 Minuten Verspätungen 

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Eine Art Erlösung

- Am 2. November 1975, als nach dem Ewigen Kalender Allerseelen auf einen Sonntag fiel, ließ sich Pier Paolo Pasolini ermorden - in Ostia (was so viel heißt wie: dargebrachtes Opfer). Schon am 2. November 1969 habe sich PPP unter der gleichen Konstellation töten lassen wollen, erzählt sein alter Freund Giuseppe Zigaina, Maler und Grafiker. Und seit dem Todesfall vor 30 Jahren Exeget des uvres einer Künstlerfigur, in der sich die Denkstrukturen des 20. Jahrhunderts essenziell verkörpern. Er möchte die Inszenierung entschlüsseln, die Pasolinis Vita-Werk im Grunde sei.

Dieser wollte alle Möglichkeiten und eben auch alle Widersprüche in sein Schaffen und in seine Lebenshaltung zu integrieren: ein gewaltiger Versuch, die Zerrissenheit als Einheit zu fassen, ein verzweifelter Versuch,  eine Art  von Erlösung zu bringen. Darum schreitet Pasolini immer die Extreme aus: vom absolut Bösen der Menschen bis zum absolut Guten des Menschensohns. Folglich, so Zigaina, führt der Tod zur Auferstehung. Pasolini könne man nicht verstehen ohne das Bild von Jonas, einem alttestamentarischen Pendant zu Christus.

Zeichnungen und Film-"Gemälde"

Grafik- und Kunstsektion der Münchner Pinakothek der Moderne widmen anlässlich des 30. Todestags von Pasolini, der am 5. März 1922 in Bologna geboren wurde und im Friaul aufwuchs, dem Zeichner, Autor und Filmregisseur, der öffentlichen Person und dem Geheimnis die Ausstellung "P.P.P. - Pier Paolo Pasolini und der Tod" (Kuratoren Michael Semff, Bernhart Schwenk). Parallel dazu zeigt das Münchner Filmmuseum die Kinowerke von den berühmten wie "Mamma Roma" oder "Medea" bis hin zu Kurzfilmen wie "Die Erde vom Mond aus gesehen" oder "Die Geschichte einer Papierblume".

In der PDM geleiten den Besucher nicht nur die biografischen Daten PPPs in die Schau, sondern auch der Mann der Medien (Artikel, "Fotoalbum", Großfotos auf Zeitungsständern), den Prozesse so verfolgten wie Begeisterung. Man begegnet gleichzeitig dem Journalisten, Literaten, dem Lyriker: "Christus fühlt im Leibe/ Geruch des Sterbens/ wehen/ . . .". Und läuft auf ein expressiv verfremdetes Selbstbildnis zu (1947). Pasolini verschattet sein Gesicht zum Teil, aus dessen Mund aber ein keckes, rotes Blümchen "sprießt"; an der Wand dahinter eine helle Zeichnung.

Dieses Bildnis führt in die Stille - nach dem Spektakel um den Star, der einerseits als Heilsbringer andererseits als Blasphemiker und Kinderschänder gesehen wurde. Pasolinis Zeichnungen - manche erinnern in ihrer archaischen Schlichtheit an die von Joseph Beuys - erzählen von einem sensiblen jungen Mann auf der Suche; der da übrigens unter anderem auf Zelluloid zeichnet. Erst der 40-Jährige wird sich dem Filmemachen zuwenden. Zeichnung und Lyrik trainieren innere Sammlung, Abstoßen des Unwesentlichen. Das geht bis zur Abstraktion, wenn die "Sanddüne" eigentlich ein feines Relief von Beige-in-Beige ist. Spannend bei den späteren Blättern, wenn sie in immer neuen Varianten ein Antlitz ausforschen. Etwa 1969 bei den Dreharbeiten zu "Medea" das Callas-Profil. Das sind nie Arbeitsskizzen, sondern eigenständige Bilder, die bisweilen mit unüblichen Materialen wie Wein oder Blütenstaub experimentieren.

Vom zarten Blatt gelangt man danach zum opulenten "Gemälde", zum Filmbild: Detlef Weitz und Dominic Müller haben die Problematik von Film in einer Ausstellung mit ihrer halbstündigen Videoinstallation aus zwölf Pasolini-Streifen auf vier mal vier Leinwänden hervorragend gelöst. Das Bildnis zählt - nicht das Erzählerische eines Films. Trotzdem ist alles enthalten: das Böse und das Gute, der Tod und die Liebe.

- Bis 5.2.2006, schönes Begleitbuch, Hatje Cantz: 35 Euro, Tel. 089/ 23 80 53 60;

- Retrospektive im Filmmuseum, Tel. 089/ 23 32 41 50.

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