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Georg Baselitz: „Volk Ding Zero“.

Eine fantastische Aura

Publikumserfolg: Die Pinakothek der Moderne setzt ihr Gastspiel im Schloss Herrenchiemsee mit „Königsklasse II“ fort

Toll angekommen ist im vergangenen Jahr „Königsklasse“ im Schloss Herrenchiemsee: 160 000 Besucher und viel, viel Zuspruch, unbedingt weiterzumachen. Die Verantwortlichen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen zeigen sich immer noch überrascht über solch intensive Zustimmung. Die nahmen sie mit Freude und Leidenschaft auf und können heuer also „Königsklasse II“ auf der Herren-Insel im Chiemsee präsentieren. Generaldirektor Klaus Schrenk will klugerweise „eine Kontinuität“. Initiatorin und Kuratorin Corinna Thierolf drängt ebenfalls mit charmantem Feuereifer plus der nötigen Portion Zähigkeit – die muss extrem belastbar sein – und arbeitet auf den Ausbau einer kleinen vierten Pinakothek hin. In der Pressekonferenz betonte sie, „Stück für Stück“ Werke in Ludwigs II. Chiemsee-Versailles halten und zugleich „einen ständigen Wechsel“ bieten zu wollen. Eine Arbeit hat sie bereits ins Auge gefasst, „die hier bleiben muss!“ Das ist Dan Flavins rot, weiß und blau leuchtende Rahmen-Sperre (eine Dauerleihgabe des Flavin Estate), die den Zaubertrick der Kunst in Vollendung bietet: Aus nüchternen Materialien entsteht etwas, was dem ganzen Raum eine fantastische Aura gibt. So ähnlich funktionieren die Schlosssäle, in denen Ludwig II. die Zeit Ludwigs XIV. aufscheinen ließ.

Die Begeisterung der Verantwortlichen wie der Besucher manifestiert sich bald in zwei Katalogen: Der Münchner Hirmer Verlag bringt einen schmalen Band (19,90 Euro) über den geglückten „Königsklasse“-Start 2013 heraus. „Königsklasse II“ (19,90 Euro), Mitte August erhältlich, wird dann selbst Königsklasse, denn es ist ein bibliophiles Werk, in dem sich Bildende Kunst und Poesie treffen: Umberto Eco, Sten Nadolny (stammt aus dem Chiemgau) und Tilman Spengler konnten gewonnen werden. Den regten zum Beispiel Georg Baselitz’ Kopfüber-Bilder zu einem Gedankenspaziergang vom Sanskrit-Wort für Sitzen zum Kopfstand an. Übrigens: Diese beiden Bücher gebe es genauso wenig wie die Ausstellungen, wenn nicht Unterstützer wie die International Patrons of the Pinakothek oder die Art Mentor Foundation Lucern beziehungsweise PIN Freunde der Pinakothek der Moderne eingesprungen wären. Politik und Verwaltung des Freistaats schmücken sich hier erneut mit Höhepunkten, die sie allerdings nicht genug fördern; ja, sie versorgen nicht einmal angemessen die Institutionen, die Museen, die solche Ausnahme-Ereignisse möglich machen.

In der aktuellen „Königsklasse“ – wieder in den Rohbau-Räumen des Schlosses – sind zum zweiten Mal Andy Warhol, Flavin, wie erwähnt, dann Arnulf Rainer, Willem de Kooning, John Chamberlain sowie Georg Baselitz vertreten. Bis auf Flavin alle mit anderen Werken als vor einem Jahr. Neue Mitspieler sind Imi Knoebel, Fabienne Verdier, Wolfgang Laib und Cy Twombly; man hat eben auch Exponate des Museums Brandhorst für die „Sommerfrische“ am Chiemsee bekommen. Twombly beeindruckt mit schüchterner Anmut in einem matten Hellblau, über das aus weißen Augen weiße Tränen zu rinnen scheinen. Dazu der Knallkontrast von „Summer Madness“, ein Totenkopf, aus dem es in lodernden Farben explodiert. Solch Fetziges mit Witz zeigt Imi Knoebel etwa mit dem „Roten Ritter“. Allerdings in klaren, monochromen Feldern, die er aber kippt, kombiniert und mit Abfall-Fundstücken ironisiert. In dem weißen Pendant sind Teile eines Treppenhausgeländers genauso integriert wie Kacheln einer Küchenwand.

Küche ist das Stichwort für den halbrunden Schlossraum, den sich Wolfgang Laib für seine spezielle Kunst ausgesucht hat. Berühmt geworden ist er mit seinen Werken aus einem ganz und gar flüchtigem Stoff: Blütenpollen. Die sammelt er, um sie dann zum Beispiel in einem Quadrat auszustreuen – wie in der Küche unter Ludwigs Tischlein-deck-dich. Mattgelbe Kiefernpollen aus den 1980er-Jahren verwandeln sich in einen schwebenden Teppich aus einer Konsistenz, die das Auge wie einen Nebel gar nicht richtig fassen kann. Einen Sonderstatus hat des Gleichen Fabienne Verdier – nicht nur, weil sie (seltsamerweise) die einzige Frau in dem Männerclub ist. Die Französin greift die ostasiatische Kalligrafie und die gestische Malerei der Nachkriegszeit auf, um ihnen heutigen Schwung zu geben. Ihr Pinsel wird zum Riesenobjekt, das von der Atelierdecke hängt (Haare aus 35 Pferdeschwänzen) und zum Malen gebracht wird. Die Serie „Mélodie du réel“ zeigt einen Reigen weißer Schwünge auf Schwarz; das Material wirkt wie altes Email, das reißt, springt, bricht. Dynamik trifft sich mit Vergänglichkeit.

Besonderen Spaß machen bei den Dauergästen Warhol mit seinen entspannt hingefetzten Porträts von Dragqueens und Baselitz, der in seinen Remix-Werken sich, aber auch Kollegen wie Piet Mondrian und Warhol zitiert – und nie kleine hinterhältige Kommentare vergisst. Fast noch intensiver als 2013 wirken jetzt die Bilder von Arnulf Rainer, die sich nicht um das übliche Tafelbildformat scheren. Die Auswahl heuer interpretiert die Kreuzesform mit mehr Farbeinsatz. Obwohl man sich an de Kooning und Chamberlain ein wenig satt gesehen hat, hat „Königsklasse II“ doch wieder echte Königsklasse.

Simone Dattenberger

Bis 28. September

täglich 9 bis 18 Uhr,

Ausstellung alleine 5 Euro, mit Schlossführung und Besuch beider Museen 10 Euro.

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