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„Für mich hat der Tod immer dazugehört. Jetzt intensiviert sich das noch einmal“: Sibylle Canonica – hier im Marstall – spielt die Frau des griechischen Herrschers Admetos, die sich für ihren Mann opfern will. Premiere ist am 21. November, Regie führt Hausherr Dieter Dorn.

„Eine Figur, bei der es ans Letzte geht“

München - Bayerisches Staatsschauspiel: Sibylle Canonica ist die Alkestis in dem gleichnamigen antiken Stück von Euripides. Ein Interview mit der Künstlerin.

Sich für einen anderen opfern. Ganz bei Sinnen und zugleich absolut ausweglos für einen anderen in den Tod gehen. Das ist die Geschichte der Alkestis. Die Frau des griechischen Herrschers Admetos, dessen Tod sie ihm sozusagen abnimmt, ist eine Figur des Mythos.

Euripides hat sie 438 v. Chr. zu einer der extremsten Frauengestalten der Weltliteratur gemacht. Sibylle Canonica ist Alkestis. Die Künstlerin ist weit und breit die einzige Schauspielerin, die das Format einer großen Tragödin hat, zugleich brodelt in ihr das lachende Chaos einer Erzkomödiantin. Am Bayerischen Staatsschauspiel hat das Drama „Alkestis“ am 21. November unter der Regie von Hausherr Dieter Dorn Premiere. Michael von Au spielt den Admetos. Benutzt wird die Fassung von Raoul Schrott.

Canonica, mitten in den Proben, schwankt beim Gespräch in der leeren, kalten Café-Lounge des Marstalls zwischen Theater-Fieber und Theater-Erschöpfung. Sie ist auf der Suche nach Alkestis – und staunt immer noch über diese Frau. Wie kann man so einen Entschluss überhaupt glaubhaft spielen? Die Annäherung an jene antike Gestalt liegt wohl genau darin, dass sich die Schauspielerin das immer und immer wieder fragt.

„Man könnte simpel sagen: Man liest den Text und wird hineingezogen“, stößt sie fast hastig hervor. „Ich beschäftige mich ausführlich mit der mythologischen Geschichte – es gibt ja mehrere Varianten. Natürlich, wenn man den Stoff aufnimmt, ist man irritiert... Ich war schon in der Situation, wo ich gedacht habe: Herrgott noch mal, wie soll sich das ein Mensch vorstellen?“ Sie versuche, Brücken zu schlagen, ihren „Erfahrungsschatz zu plündern“, aber es sei schwer, sich da hineinzudenken. „Wenn eine Situation traumhaft schön ist, sagt man leicht: Jetzt möchte ich sterben“, verdeutlicht die Schauspielerin, „aber wenn dann einer käme und uns beim Wort nähme, stünden wir ganz schön blöd da“.

Mit Humor und Realitätssinn begegnet Sibylle Canonica, die aus der Schweiz stammt und seit Mitte der 80er-Jahre zum Dorn-Team gehört (von Goethes Stella bis Kleists Alkmene), der Belastung, eine Todgeweihte zu spielen. „Das Thema zielt ins Zentrum.“ Das spürt sie jeden Tag und wappnet sich: „Manchmal brauche ich ein Kontrastprogramm.“ Höchst seltsam sei es, auf den Proben „tot“ herumzuliegen, schmunzelt sie. Man falle tatsächlich aus dem Spiel, werde nicht mehr beachtet und „hat Glück, wenn der Regisseur mal sagt: Ist Dir kalt?“.

An Alkestis fasziniert Canonica vor allem, dass diese am Ende einer wahrlich tragischen Entwicklung steht. Die Ehefrau habe sich vor Zeiten spontan entschlossen, für ihren Mann zu sterben. Wenn das Stück einsetzt, „wird sie sich bewusst, was ihre Entscheidung für Folgen hat und dass sie nichts mehr beeinflussen kann. Das ist grauenhaft.“

Sucht die Künstlerin während ihrer Todesforschung Beistand bei den anderen Künsten? Neugierig ist Sibylle Canonica auf alles – das ist zu spüren. Besonders bewegt sie im Augenblick, wie der neue Tanz in Frankreich den Tod formuliert. „Da kucke ich hin – aber Hilfe? Nein, die gibt es grundsätzlich nicht.“ Einer dieser radikalen Sätze, kurze Peitschenhiebe, die Canonicas Absolutheit und Temperament nachdrücklich charakterisieren. Dazu gehört: „Ich bin doch keine Werbeagentur!“, will sagen, dem Zuschauer möchte sie von der Bühne herab kein ideales Frauenbild aufschwätzen.

„Herrgott, wie soll sich das ein Mensch vorstellen?“

Sybille Canocina über ihre Rolle

Dazu gehört ebenfalls, dass Canonica ihre Alkestis nicht verlässt. Selbst dann nicht, wenn das Gespräch auf ihr komödiantisches Talent kommt. „Man hat mich zuerst nicht so besetzt, hat das nicht in mir gesehen. Erst durch Kroetz und seine Mitzi in ,Drang‘ (1995, Anm. d. Red.) war das möglich“, erzählt sie. „Komik kommt aus einer kaschierten Verzweiflung.“ Dennoch: „Bei Alkestis kriege ich beim besten Willen keine Komik rein“, lächelt sie. Komik hänge sehr mit Sprache zusammen: „Ich habe durchaus Ideen zu solchen Figuren – komisch-grotesk und schonungslos –, aber die reden Schwyzerdütsch“.

Natürlich weiß die Künstlerin um das Wunder der Schauspielkunst, ist aber komödiantisch-verzweifelt, weil sie es – wie es sich für ein Wunder gehört – nicht erklären kann. Da sie jedoch an ihr Publikum und damit an unsere Leser denkt, möchte sie sich doch erklären. Und kommt dabei so richtig in Fahrt.

Da ist eine Frau, die ihre Kunst, die Schauspielerei, lebt und am liebsten dauernd darüber sprechen würde wie eine junge Mutter über ihr erstes Bobberl. Dann hört sich schließlich die Wunder-Erklärung so an: „Man spielt eben – es ist einfach und komplex“, klingt es aus der Wolke von Begeisterung, gepaart mit höchster Professionalität. „Es geht darum, den Schlüssel zu finden, damit eine Türe in einem selbst aufgeht. Dass dadurch Gedanken und Gefühle ausgelöst werden, muss man zulassen. Der Text evoziert Bilder – Geister und Gespenster kommen hervor.“ Canonica vergleicht ihre Arbeit, die Anstrengung mit der eines Bildhauers, der eine Skulptur aus dem Stein schlägt. Deswegen müsse man irgendwann sagen, die Figur ist gut so, sie ist fertig.

Jede Rolle sei eine Herausforderung, betont die Schauspielerin, aber die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod in „Alkestis“ belaste noch darüber hinaus. „Einerseits gibt es Menschen, die ahnen, dass er die große, bestimmende Kraft ist, und verdrängen das. Andererseits gibt es die, die sich dem stellen. Für mich hat der Tod immer dazugehört. Jetzt intensiviert sich das noch einmal.“ So sehr sich die Künstlerin in das Thema Tod hineinbohrt, es bleibt eine unüberwindbare Schranke: „Man kommt dem Tod nicht näher: Wenn man tot ist, ist man tot – und wir wissen nichts darüber.“

Ist es bei solch einer Grenzerfahrung eine Erleichterung, wenn man den Regisseur so lange kennt wie Sibylle Canonica Dieter Dorn? „Ja, es ist etwas Besonderes, weil Alkestis eine Figur ist, bei der es ans Letzte geht. Über die lange Zeit, über unsere künstlerische Erfahrungsgeschichte haben wir gelernt, auf einander zu hören; wir müssen nichts irgendwie hinbasteln. Es hat sich eine künstlerische Arbeitsbiografie zusammengebaut. Dennoch fängt man immer bei null an, quält sich, leidet.“

Zwar sind es noch eineinhalb Jahre bis zum Ende der Ära Dorn – sind in Sibylle Canonica doch schon Abschiedsgefühle hochgekommen? „Manchmal sind sie da und manchmal auch gar nicht“, lautet die lapidare Antwort, die den Schmerz kaum verbergen kann, und da möchte man gar nicht weiterfragen...

Simone Dattenberger

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