Eine Fingerübung

- "Schloss Gripsholm", so weiß die Literaturgeschichte, rangiert als Kurt Tucholskys beliebtestes Werk. Offensichtlicher Anreiz fürs Münchner Teamtheater Tankstelle, das mit Prosatexten, zuletzt Fontanes "Effie Briest", immer wieder eine gute Hand beweist. "Gripsholm" von 1931 war vom Verleger Ernst Rowohlt marktorientiert gewollt als kleine leichte Liebesgeschichte "zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem buntem Umschlag".

Auf den Punkt genau eine solche hat Ernst Matthias Friedrich (in Horst Ulrich Wendlers szenischer Bearbeitung) inszeniert. Der Ich-Erzähler Daddy und seine Geliebte Lydia, die sich auf dem schwedischen Schloss Gripsholm eingemietet haben, beziehen ihre beiden Besucher, zuerst Freund Karl, dann Lydias Freundin Billie, auf aktive Weise in diesen Turtelurlaub mit ein. Außerdem befreien sie die kleine Ada aus den Fängen einer despotischen Kinderheimleiterin.

Schön, dieses Utopia der eifersuchtslosen freizügigen Dreier-Erotik und des mitfühlenden Herzens für Kinder. Ganz schön, wenn man's liest. Aber eben nicht ganz so ergiebig als Bühnenstoff. Eine Möglichkeit der Verdichtung bestand ja: Da Regisseur Friedrich zwischendurch Reflexionen des Ich-Erzählers lesen ließ, hätte er ebenso gut Texte aus Tucholskys gesellschaftskritischem "Deutschland, Deutschland über alles" von 1929 einschieben können. Auf dieser Folie einer gefährlich umbrechenden Zeit hätte die Liebes-Utopie ein spannenderes Profil gewinnen können. So blieb sie, wie Tucholsky sie selbst charakterisierte, "eine Fingerübung, ein Omelette soufflée".

Zwischen Sonnenbaden und Bettgeflüster

Immerhin hat Friedrich mit musikalischer Untermalung und witzigen oder melancholischen Songnummern das Relax-Idyll zwischen Sonnenbaden und Bettgeflüster - immer sehr dezent hinter der mit breiten Luken versehenen Ferienburg-Fassade von Esther Toronszky - atmosphärisch aufgepolstert. Die fehlende Dramatik steht man auch gut durch dank eines von Anna Allinger mit ausnehmend hübscher Sommermode angezogenen Darsteller-Quartetts: als Billie Franziska Ball (auch am Akkordeon), als Karl Philipp Weiche, als Daddy Markus Menzel und als sehr realistisch natürliche Lydia Ursula Berlinghof.

Bis 29. 10., 20 Uhr, Karten 089/ 260 43 33.

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