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Bei der Probe im Münchner Herkuless aal: Franz Welser-Möst (50) dirigiert ein Programm mit Werken von Joseph Haydn, Alban Berg und Anton Dvo(r)ák – und leitet übrigens das kommende Wiener Neujahrskonzert.

Eine Frage des Dialekts

München - Gerade hat er einen der wichtigsten Throne der Musikwelt bestiegen: Seit dieser Saison ist der gebürtige Linzer Franz Welser-Möst Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper.

Für den 50-Jährigen, der zugleich das Cleveland Orchestra leitet, bleibt da keine Zeit mehr für Gastspiele – bis auf die beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wie heute und morgen. Im Herkulessaal dirigiert Welser-Möst Werke von Haydn, Berg und Dvo(r)ák.

Fühlen Sie sich in der Verwaltungsarbeit wohl? Wolfgang Sawallisch sagte einmal: Wenn er wieder auf die Welt kommen würde, dann würde er wieder Dirigent werden – aber ohne administrative Aufgaben.

Die Administration ist ein nützliches Übel. Vieles dabei hat ja direkte künstlerische Auswirkungen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich aufreibe. Wiener Staatsoperndirektor möchte ich aber nicht sein. Ich bin heilfroh, dass ich „nur“ Generalmusikdirektor bin. Die Mechanismen, die bedient werden wollen, werden ja immer mehr: sich um Sponsoren kümmern, um die Kulturpolitik...

Ist Wien ein Zurückkommen für Sie? Etwas, das Sie immer schon anstrebten?

Zurückkommen ja, anstreben nein. Ich gehöre nicht zu denen, die sich große Ziele setzen und die dann abhaken. Es ist ein musikalisches Nachhausekommen, was mich übrigens überrascht hat. Die Art und Weise, wie die Wiener Philharmoniker spielen, passt doch sehr zu meinem Naturell. Es ist eine Frage des musikalischen Dialekts.

Harnoncourt sagt, ein Amerikaner könne nie ein hundertprozentiger Schubert-Dirigent sein...

(Lacht) Er radikalisiert halt gerne. Man kann jede musikalische Sprache lernen. Und je nach Begabung hat man dann einen mehr oder weniger starken „Akzent“ beim Dirigieren. Als ich 23 Jahre war, sagte Alfred Altenburger, der damalige Vorstand der Wiener Philharmoniker, zu mir: Was man als Dirigent bis 35 nicht gelernt hat, das lernt man danach auch nicht mehr. Je früher man also eine Sprache lernt, wie auch bei Englisch oder Französisch, desto besser. Und das war mit ein Grund dafür, dass ich mich nie spezialisiert habe. Was fürs „Verkaufen“ meiner Person ein Problem war. Es hieß immer: Wo g’hört der hin?

Und mit welcher musikalischen Sprache taten Sie sich schwer?

Ich musste manches gezielt lernen. Sibelius zum Beispiel. Oder französische Musik, die kam mir lange nicht unter. Das war in Oberösterreich so, als ob man Werke aus Nigeria aufführt. Und immer noch gibt es in der modernen seriellen Musik Dinge, bei denen denke ich mir: Was soll ich damit anfangen? Ich bin auch keiner, der sich sagt: Damit die Biografie gut ausschaut, muss ich eine Uraufführung nach der anderen dirigieren.

Für Ihre Konzerte hier haben Sie Werke ausgewählt, die immer knapp neben den Hits liegen: Dvo(r)áks Fünfte statt der Neunten etwa. Weil Sie missionarisch tätig sein wollen?

Es gibt doch so viele wunderbare Stücke, die dauernd durch den Rost fallen. Abgesehen davon: Ich gehe an die Hits anders ran, wenn ich sie nicht dauernd dirigiere. Dvo(r)áks Neunte habe ich bislang nur bei zwei Orchestern dirigiert. In Cleveland wurde das fast zehn Jahre nicht gespielt – bis zu unserem „Rusalka“-Projekt. Und plötzlich war das für alle ein anderes Stück. Völlig ohne Autopilot.

Derzeit ist der Musikmarkt von einer Art Panik befallen: Wo auch immer eine Chefposition frei ist, soll es der 28-jährige Wundermann mit dem Riesenrepertoire sein.

Es gab immer schon Orchester wie das Los Angeles Philharmonic, die solches gewagt haben. Zubin Mehta wurde dort seinerzeit mit 28 Jahren Chef. Nur: Den Jungstar mit dem Riesenrepertoire gibt es einfach nicht. Dirigieren hat wahnsinnig viel mit Erfahrung zu tun. Das merkt man vor allem, wenn es Richtung Oper geht. Ich kann München nur gratulieren zur Wahl von Herrn Petrenko zum Generalmusikdirektor. Eine außergewöhnlich kluge Entscheidung. Ich hätte ihn gern als Nachfolger in Zürich gehabt. Er hat das Handwerk von der Pike auf gelernt, ein großes Repertoire, Erfahrung gesammelt und sich lange abseits gehalten vom Rummel.

Zwischen den Jungstars und den alten Grandseigneurs gibt es in der Altersgruppe der Fünfzigjährigen nur wenige Spitzenleute. Was ist denn los mit Ihrer Generation?

Das kann ich Ihnen genau sagen. Nachdem ich 1980 an die Münchner Hochschule gekommen bin, habe ich vier Jahre lang gehört: Nur ja nicht in den Operngraben, dort macht man keine Karriere. Es war damals Mode, im Zuge des Jetsets diesen Karriereweg zu verachten. Uns ist so eine ganze Generation von Operndirigenten weggebrochen! Wo gibt es denn solche Könner wie Sawallisch? Oper als Metier lernt man nur, wenn man sich dieser Knochenmühle unterzieht. Ich habe deshalb in Zürich teilweise mehr als 70 Abende pro Jahr dirigiert.

Wie geht es Ihnen als Dirigent des kommenden Neujahrskonzerts? Ein Spektakel, bei dem quasi die ganze Welt zuschaut...

Ach, an das denke ich überhaupt nicht. Nur eines kam mir in den Sinn: Seit 25 Jahren versuche ich, Nicht-Wiener Orchestern diese Musik beizubringen. Und dann steht man plötzlich am Pult der Wiener und ist quasi an der Quelle. Das ist ein irrsinniger Genuss. Diese Musik ist ja so vielseitig und tiefsinnig – und ned nur a bissl ang’soffn, wie man so gemeinhin glaubt.

Ihre Vorgänger erlaubten sich kleine Ausflüge weg von der Strauß-Dynastie. Und Sie?

Mein Urururgroßvater war der Besitzer eines berühmten Wiener Vorstadtlokals, des Café Dommayer. Dort hatte Mitte Oktober 1844 Johann Strauß junior seinen ersten öffentlichen Auftritt und Josef Lanner seinen letzten. Deshalb gibt es im Neujahrskonzert zwei Nummern, die Strauß dort uraufgeführt hat, unter anderem eine „Debut-Quadrille“. Dann werden wir etwas zum Liszt-Jahr spielen, einen Mephisto-Walzer. Außerdem hat der spanische König ein Beratergremium, in das jedes europäische Land Wissenschaftler oder Künstler entsendet. Da sind die irgendwie auf mich gekommen. Deshalb dirigiere ich den „Spanischen Marsch“ von Strauß.

Verstehe: ein Welser-Möst-Porträtkonzert.

Wenn Sie so wollen – und den Mephisto-Walzer meinen...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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