Eine Frau, die lügt und liebt

Barbara Sukowa, 1950 in Bremen geboren, wurde in den 70er-Jahren zunächst am Theater bekannt. Dort spielte sie unter anderem unter Luc Bondy, später vor allem unter Peter Zadek. Der Schritt auf die große Leinwand führte zunächst übers Fernsehen: In Rainer Werner Fassbinders 13-teiliger Döblin-VerfilmungBerlin Alexanderplatz für die ARD spielte sie 1980 die Mieze und gleich im folgenden Jahr die Hauptrolle in Lola.

Barbara Sukowa ist ab morgen in dem Film "Die Entdeckung der Currywurst" zu sehen

Zur selben Zeit spielte sie auch Hauptrollen in Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" (1981) und etwas später in "Rosa Luxemburg" (1986). Für den Auftritt als rote Freiheitskämpferin erhielt sie den Darstellerpreis der Filmfestspiele von Cannes. In den folgenden Jahren wirkte die Sukowa in mehreren internationalen Produktionen mit, trat im Theater (zuletzt bei den Salzburger Festspielen 2007) und als Sängerin auf und blieb aber auch dem deutschen Film und Fernsehen treu. Jetzt kommt sie in der Hauptrolle der Uwe-Timm-Verfilmung "Die Entdeckung der Currywurst" ins Kino. Sukowa hat drei Söhne aus ihren drei Ehen mit den Schauspielern Hans-Michael Rehberg, Daniel Olbrychski und dem Multimediakünstler Robert Longo, mit dem sie seit über zehn Jahren in den USA lebt.

Wie schön, dass Sie nach längerer Zeit mal wieder in einem deutschen Film in einer Hauptrolle zu sehen sind - und dann gleich in so einer: Eine "starke" Frauenfigur, eine Überlebenskämpferin. Der Film spielt während des Zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die kennen Sie ja nicht mehr persönlich, aber doch bestimmt aus Erzählungen der Familie. . .

Ja genau. Einiges an der Handlung und am Set kam mir vertraut vor, Dinge und Möbel etwa, die es in meiner Kindheit noch gab. Anderes zumindest aus Schilderungen. Aber grundsätzlich war der Film schon ein Eintauchen in eine andere, mir fremde Zeit. Das Einzige, was mir sehr nah war: Die Hafenstadt Hamburg. Die kannte ich aus meiner Theaterzeit, und außerdem erinnerte mich vieles an Bremen, wo ich aufgewachsen bin.

Gibt es eine Nähe dieser Lena in ihrem neuen Film zu der "Lola" Fassbinders, Ihrem ersten Kinofilm?

Die gibt es, ja. Wobei ich die Lena Brückner als nicht so materialistisch empfinde. Sie will mehr, ist nicht berechnend, sondern riskiert ja einiges. Aber natürlich ist sie pragmatisch und unsentimental, wie es ja Frauen sowieso wahrscheinlich mehr sind als Männer. Aber die Härte, das Unsentimentale und der Pragmatismus lagen auch in einer Zeit, in den Umständen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es vieles gegeben hat, was uns unsere Mütter und Großmütter verschwiegen haben. Klar haben die nicht immer nur auf die Männer gewartet. So wie sie sich beruflich emanzipiert haben, haben sie das auch privat getan.

Wenn man auf Ihre Filmografie blickt, scheinen Sie Regisseuren ja sehr oft für Kostümfilme in den Sinn zu kommen. Bei Fassbinder, bei Trotta, aber noch bei Schlöndorff und Lars von Trier - haben Sie dafür eine Erklärung?

Nein. Ich habe mich das auch schon gefragt, aber ich habe keine Antwort. Wahrscheinlich scheine ich etwas auszustrahlen, das altmodisch und altertümlich wirkt, oder freundlicher ausgedrückt: klassisch und zeitlos. Ich glaube auch, dass mir die alten Kostüme ganz gut stehen, ich sehe darin dann nicht so aus, wie eine Frau von heute, die ein altes Kleid anhat, sondern wie eine auf alten Fotos. Allerdings sind es ja auch nicht immer tolle Kleider, und Lena Brückner hat ganz normale Sachen an.

Bewegte man sich denn anders in früheren Zeiten? Wenn ich alte Filme sehe, habe ich den Eindruck. Auch wirkt es, als sprach man anders\xC2

Das glaube ich auch unbedingt! Aber man darf das nicht zu betonen, sonst glaubt es keiner. Würde man heute so spielen wie in Ufa-Filmen, so sprechen wie Gründgens auf der Bühne, dann würde das nur albern wirken, keineswegs so ernst, wie es gemeint ist.

Was hat Sie an dieser Rolle und dem Film überhaupt gereizt?

Es gibt nicht viele gute Rollen für Frauen in meinem Alter. Man spielt dann vielleicht mal eine Nebenrolle. Aber die Figur der Lena ist sehr facettenreich, und sie ist erotisch. Außerdem eine Hauptrolle, das ist doch reizvoll. Es ist eine Frau, die lügt und die liebt.

Nun haben Sie sich allerdings im deutschen Film eine ganze Weile auch selber rar gemacht\xC2

Das stimmt. Das hat sicher den privaten Grund, dass ich in Amerika lebe und mehr Zeit für meine Kinder haben wollte. Es gab in den frühen 80ern viele Rollenangebote, aber die große Hollywood-Karriere hat mich nie interessiert. Ich habe keine Lust, in den USA zu drehen. Und die Angebote aus Deutschland waren zu einem großen Teil sehr uninteressant, die Filme teilweise richtig schlecht. Und ich bin keine, die um jeden Preis drehen will.

Das heißt: Die Regisseure, bei denen Sie dann spielen, können stolz sein?

Wenn Sie so wollen. Vor ein paar Jahren habe ich in "Hierankl" gespielt, das war ein Debüt. Aber zum einen hat Regisseur Hans Steinbichler mir sehr deutlich und glaubwürdig vermittelt, dass er unbedingt mit mir arbeiten wollte. Dann war das Drehbuch sehr gut, meine Rolle spannend. Und schließlich war es reizvoll, mit großartigen Kollegen wie Johanna Wokalek und Josef Bierbichler zu drehen. Wenn all das zusammenkommt, ist es wunderbar. Aber zumindest ein paar Elemente davon sollten es schon sein, sonst interessiert es mich nicht.

Haben Sie Pläne, wieder nach Deutschland zu kommen?

Keine konkreten. Ich bin ja oft zum Arbeiten hier. Aber meine Familie lebt in den USA. Manches vermisse ich sehr, das Leben in den USA, zumindest in New York, ist überhaupt nicht so entspannt, wie man denkt. Die Leute haben Arbeit und Karriere im Kopf, sind immer im Stress und immer auf dem Sprung. In Deutschland schätze ich das Gelassene des Alltagslebens. Aber kulturell ist vieles hier auch niveauloser geworden als früher, und ich kann nicht sagen, dass ich das Verlangen spüre, wieder hierher zu ziehen.

Als Nächstes drehen Sie aber in Deutschland. . .

Ja, im neuen Film von Margarethe von Trotta spiele ich die Hildegard von Bingen.

Also etwas Spirituelles und Keusches. Liegt Ihnen denn das, nach all den konkreten, diesseitigen Frauen: Lola, Rosa Luxemburg, Lena?

Na das will ich doch hoffen! Ich habe noch nie viel von diesen Schauspielern gehalten, die sich mit allem identifizieren müssen, um es gut spielen zu können.

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