Zentrum der Aufführung und brodelnder Vulkan: Sunnyi Melles (re.) in der „Phädra“-Inszenierung von Matthias Hartmann (mit Therese Affolter als Önone).

Eine Frau wie ein Naturschauspiel

Salzburg - Theseus, einem der antiken Superhelden, begegnet der Besucher der Salzburger Festspiele 2010 gleich zweimal. Auf der Halleiner Perner-Insel in Sophokles’ „Ödipus auf Kolonos“ als Lichtgestalt im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Besetzung

Regie: Matthias Hartmann. Ausstattung: Johannes Schütz.

Choreographie: Ismael Ivo. Darsteller: Sunnyi Melles (Phädra), Paulus Manker (Theseus), Philipp Hauß (Hippolytos), Sylvie Rohrer (Arikia), Therese Affolter (Önone), Hans-Michael Rehberg (Theramenes), Merle Wasmuth (Ismene), Brigitta Furgler (Panope).

Angetan mit blendendem Weiß ist dieser Theseus nicht nur ein Bild von einem Mann, sondern auch die Verkörperung der guten Regentschaft. Im Salzburger Landestheater hingegen trägt Theseus Schwarz, ist verlebt und nimmt wegen seiner Ungerechtigkeit dem Land die Zukunft. Am Mittwochabend hatte dort Jean Racines Trauerspiel „Phädra“ (Deutsch von Simon Werle) in der Inszenierung von Burgtheater- Intendant Matthias Hartmann Premiere (Koproduktion mit dem Wiener Haus).

Die Inszenierung zeigt Theseus als gealterten Mann, dem man weniger die Heldentaten als die vielen Liebschaften und verlassenen Frauen (Stichwort: Ariadne) abnimmt. Bei Paulus Manker ist er latent bedrohlich, Marke Despot. Und Hartmann gönnt dem am Ende, als er Sohn und Frau verloren hat, auch nicht die versöhnliche Geste des Barock-Dichters Racine (1639-1699): Die Adoption von Arikia, der Hinterbliebenen seiner Athener Todfeinde, ist gestrichen. Die Regie setzt also ganz auf Konzentration – übrigens wie auch Peter Stein bei seinem „Ödipus“. Irgendwelche inszenatorischen Kinkerlitzchen unterbleiben. Das signalisiert bereits die exzellente Ausstattung von Johannes Schütz.

Er präzisiert den Theater- Raum für „Phädra“ in einem minimalistischen Bild in Schwarz-Weiß. Dem ist die (heutige) Kleidung untergeordnet, symbolisch leicht angehaucht. So dominiert bei Arikia Weiß, bei Phädra und ihrer Vertrauten Önone Schwarz, akzentuiert durch Rot. Die Bühne selbst liegt verschlossen hinter einer schwarzen Wand, in die ein weißer Rahmen eingelassen ist. Er reicht von einer Seite des Bühnenrahmens zur anderen, ausgefüllt mit einem Rechteck: auf der einen Seite, man errät es, schwarz, auf der anderen weiß. Durch eine Mittelachse schwenkbar, lässt es sich öffnen, lässt Meeresrauschen hören. Schließlich ist Neptun der Schutzgott von Theseus – und wird gerade deswegen das Unheil vollenden. So, quasi auf dem Präsentierteller vor der Bühne, müssen die Schauspieler auftreten. Nah an den Zuschauern. Und doch distanziert.

Das wird gar nicht mal so sehr durch die Sprache hergestellt als durch für unsere Augen leicht exaltierte Gestik. Sie ist zum Teil auch vom Gebärden- System der alten Malerei geprägt, das gerade Dispute mit festgelegten Gesten unterstrich. Und diskutiert wird viel bei Racine: Warum man gegen Verstand und Verbot liebt, muss erklärt werden. Warum man nicht in den Tod gehen soll, muss argumentativ untermauert werden. Was staats- oder familienpolitisch wünschenswert ist, muss herausgekitzelt werden.

Dass all das nicht in einer barock-getragenen Nobel-Zeremonie erstickt, dafür sorgen die durchwegs überzeugend und gut ausbalanciert agierenden Schauspieler. Mögen die Gesten auch manchmal ins Herumfuchteln rutschen, insgesamt haben sie sie gut „im Griff“. Philipp Hauß ist weniger der „Rossebändiger“ Hippolytos, Sohn des Theseus, als ein locker-linkischer Intellektueller. Er schafft es ganz entspannt, das positive Gegenbild zu Theseus darzustellen, und serviert zugleich viel feine Komik, die dem Stück guttut. Hans-Michael Rehberg als Hippolytos’ Berater hat seinen grandiosen Auftritt, wenn er Theseus vom grauenvollen Sterben des Sohns berichten muss. Sylvie Rohrer gibt der Königstochter Arikia eine schöne Würde und der jungen Liebenden Geradlinigkeit und beeindruckende Intensität.

Hauß und sie sind so stimmig rund als Paar wie die beiden Figuren, die sie darstellen. Sie sind das Gegenteil von den obsessiven Frauen Önone und Phädra. Therese Affolter vibriert in der unendlichen Unruhe der absolut ergebenen Dienerin. Zugleich ist sie Polit-Pragmatikerin. Die Schauspielerin erfasst genau, dass sie Getriebene ist und Antreibende. Ein eigentlich bedauernswerter Kobold, der auf den Untergang zuwuselt. Ja, und dann ist da Sunnyi Melles, einer der Stars des Bayerischen Staatsschauspiels.

Das Zentrum der Aufführung, brodelnder Vulkan. Sie reißt die Zuschauer in die Seele einer Frau, der die Liebe zur tödlichen Krankheit geworden ist. Furios zeigt sie ihr Können: taumelt todgeschwächt auf die Bühne, um sich von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen. Dann lässt Melles ihre Phädra in neuer Hoffnung auf Hippolytos aufblühen – Theseus ist angeblich gestorben –, geht dem Stiefsohn energisch-komisch an die Wäsche. Als ihr Mann lebendig auftaucht, tost in der Schauspielerin der Orkan von Scham, Angst, Rache, Verzweiflung. Das ist wie ein großartiges, wildes Naturschauspiel anzuschauen – leider am Ende wieder verkleinert durch den peinlich-zappeligen Gift-Todeskampf. Begeisterter Applaus.

Nächste Aufführungen 20., 21., 22., 24., 25. 8.;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500

Aus Salzburg berichtet Simone Dattenberger.

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