Eine Frau mit Visionen

- "Wann hören Sie auf zu tanzen?", wurde Münchens Primaballerina Konstanze Vernon mal gefragt. "Nie!", kam's damals knapp zurück. Und, topp!, die Antwort gilt noch heute. Die 64 Jahre junge Leiterin der Münchner Ballettakademie/Heinz-Bosl-Stiftung hat schon längst eine Amtsverlängerung beim Kunstministerium beantragt. Volle "action" voraus steckt sie gerade in der heißen Endprobenphase einer neuen Ballettmatinee (18. und 25. Mai, Nationaltheater).

<P>Und die wird diesmal mit Hans van Manens "Red Desert", Jiri Kyliá´ns "Evening Songs" und einer Uraufführung des renommierten britischen Choreographen Robert North genau das, was dessen Titel "Simple Celebration" ankündigt: einfach ein Fest - zum 25-jährigen Jubiläum der Heinz-Bosl-Stiftung.</P><P>"Ich gehe als Bauherrin<BR>in die Geschichte ein."<BR>Konstanze Vernon</P><P>1978 - das magische Jahr. Für die Ballettausbildung begann eine andere Zeitrechnung. Hier und andernorts, denn Vernons Modell wurde zum Vorbild. Als sie 1975/ 76 die Ballett-Abteilung der Münchner Musikhochschule übernahm, hatte sie an ihrer Seite nur einen Pädagogen und einen Lehrauftrags-Dozenten für modernen Tanz. "Es gab auch keine Struktur, keine pädagogisch durchdachte Methodik für die vier Studienjahre", erinnert sich Vernon. Und für alle Klassen nur einen einzigen Ballettsaal. </P><P>Zur Behebung dieses Zustands gründete sie zusammen mit Ehemann Fred Hoffmann die nach ihrem jung verstorbenen Tanzpartner Heinz Bosl benannte Stiftung. "Zuerst haben uns alle ausgelacht, weil unser Einsatz so niedrig war", erzählt Fred Hoffmann. "Der muss ja mindestens so hoch sein, dass die Stiftung von ihren Zinsen leben kann. Wir haben dann Händchen haltend wie Hänsel und Gretel angeklopft bei Menschen, die uns als Ballettfreunde bekannt waren." Und da hat der Name Vernon viele Türen geöffnet. "Solange man aktiv tanzt, weiß man ja gar nicht, welchen Beliebtheitsgrad man hat", ergänzt Vernon.</P><P>Eine Kettenreaktion setzt ein: In die Stiftung fließen Sponsorengelder. Damit kann die Vernon illustre Pädagogen einladen. Das Lehrprogramm wird nach der russischen Schule ausgerichtet. Der vierjährigen staatlichen Ausbildung werden schließlich vorbereitende Klassen wie Vor- und Grundstufen vorgeschaltet. Plötzlich gewinnen Vernons Studenten Preise bei Wettbewerben. Die Bosl-Stiftung und ihre Erfolge bekommen öffentliches Lob. </P><P>Ungeduldig in ihrem Aufbaudrang mietet die Schuldirektorin auch Säle an, unter anderem im Max-Joseph-Stift, im Deutschen Theater, in der Elly-Heuss-Realschule - bis sie 1987 in ihr Ballettleistungszentrum an der Wilhelmstraße einziehen kann. Planung und Umbau des verrotteten denkmalgeschützten Trambahndepots zu sechs lichten, modernen Ballettsälen und Garderoben hat das Ehepaar Vernon/Hoffmann in allen Etappen euphorisch durchlitten. "Mit dieser Morgengabe der Stadt, die für die Totalrenovierung auch einen Sponsor gefunden hatte, konnten wir endlich die staatliche Hochschule interessieren", resümieren die beiden. Nach und nach werden denn auch von der Hochschule die Pädagogen-Planstellen (zur Zeit achteinhalb) übernommen. Unterrichtet werden die Fächer klassisches Ballett, Spitzen-Training, Pas de deux, Repertoire, Nationaltänze und Modern Dance. Ein Lehrprogramm - für 171 Studenten! - rund um die Uhr, begleitet jeweils von hochqualifizierten Pianisten.</P><P>"Wir brauchen Nachwuchs,<BR>bei den Professoren."<BR>Konstanze Vernon</P><P>"Das Ohr an lebendige Musik gewöhnen, das muss sein", sagt die Chefin. "Und dann ganz wichtig", und Vernons Stimme schwingt hoch zu dem bei ihr so wohlvertrauten Begeisterungston, "die Bühnen-Praxis, nachmittags von 16 bis 18 Uhr. Da werden Ballette einstudiert. Das ist ja meine Vision, dass unsere Absolventen mit ganz viel Bühnenerfahrung als fertige Tänzer ins Engagement gehen können. Die Junior Company des Nederlands Dans Theaters, das Jeune Ballet de France haben es vorgemacht."</P><P>Und schon schleppt sie einen zu einem noch im Rohbau befindlichen Rückgebäude, gleich um die Ecke in der Herzogstraße: "Ein Ballettsaal für junge Tanzschöpfer. Die Keimzelle für ein Choreographisches Zentrum. Wenn wir Geld haben, setzen wir später noch ein Stockwerk drauf . . . Tja, ich gehe als Bauherrin in die Geschichte ein. Die Staatsballett-Räume am Platzl habe ich ja auch gebaut", grinst sie jugendlich-keck und führt über den Hof ins "Bosl"-Studentenwohnheim. Fred Hoffmann: "Dank einer Erbschaft von Prinz Joseph Clemens, einem Bosl-Fan, konnten wir dieses ehemalige Hotel erwerben und völlig umbauen."</P><P>"Und meine Schwester", so Vernon, "ist eine fürsorgliche Heim-Mutter". Nicht schwer, sich vorzustellen, dass die 42 Studenten aus China, Korea, Australien, Russland, Italien, USA und Südamerika sich in diesen schmucken Zimmern so gut aufgehoben fühlen wie im Unterricht.</P><P>Ende der 70er-Jahre gingen deutsche Tanzstudenten zur Ausbildung meist noch ins Ausland. Heute hat sich die Situation umgekehrt. Bei Vernon bewerben sich jährlich etwa 80 Jugendliche aus aller Welt, neben den 200 Kindern, die in die Vorstufen drängen. Und die durchschnittlich zehn Studienabgänger finden immer Engagements bei renommierten Compagnien, an guten Häusern.</P><P>Am Ziel ist die Vernon aber noch lange nicht: "In zwei Studiengängen haben wir auch Pädagogen ausgebildet. Das reicht nicht. Wir brauchen Nachwuchs bei den Professoren . . . auch jemanden, der einmal die Bosl-Stiftung übernimmt und in unserem Sinne weiterführt."<BR><BR><BR></P>

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