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Helmut Friedel: Museumschef beim „Feinschliff“ der Schau.

Eine ganz gemischte Truppe

München - 270-mal Blaues-Reiter-Glück. Durch die fulminante Schau im Münchner Kunstbau am Königsplatz schließt sich jetzt bis Ende September die schmerzliche Lücke, die der Umbau des Lenbachhauses hinterlässt.

Die sonst dort prangenden Bestände von Künstlern der Gruppe „Der Blaue Reiter“ (1911 bis 1914) sind auf Welttournee. Da wirkt die Ausstellung „Der Blaue Reiter - Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik - Ein Tanz in Farben“ wie ein unverschämter Zaubertrick. Aber die Städtische Galerie hat so viel in ihren Depots, dass die Präsentation mühelos nur Hochkarätiges bietet.

Die Inszenierung ist besucherfreundlich

Aus 1000 Werken konnte das Haus auswählen - und aus 600 von Alfred Kubin, dessen Archiv es besitzt. 14 Künstler sind vertreten sowie das Ehepaar Elsa und Eduard Schiemann (gestorben 1926 beziehungsweise 1942). Die beiden gehören wie der Prager Eugen Kahler (1882 bis 1911), der US-Amerikaner Albert Bloch (1882 bis 1961) oder der Russe Alexander Sacharoff (1886-1963) zu den Unbekannten aus dem Reiter-Kreis. Auch sie sind mit Arbeiten vertreten und runden so unser Bild ab: von dieser hochherzigen Gruppe, die kein enges Programm-Korsett kannte.

Eindrücke von der Ausstellung

Ausstellung „Der Blaue Reiter“

Informationen zur Ausstellung „Der Blaue Reiter“

Öffnungszeiten: 19. Juni bis 26. September täglich außer montags 10 bis 18 Uhr.

Ort: Kunstbau am Münchner Königsplatz.

Karten: 8 Euro mit Audioguide, ermäßigt 4 Euro, Familien 12 Euro. Telefon 089/ 23 33 20 00.

Katalog: Herausgeber Helmut Friedel und Annegret Hoberg, Hirmer Verlag, München, 368 Seiten, 265 Farbtafeln, im Museum: 29,90 Euro.

Führungen für Kinder: mit Kreativteil durch KUKI am 26.6., 3., 10., 17., 24.7., 14., 28.8., 4., 11., 18., 25.9., 14 Uhr, Anmeldung: 089/ 361 081 71. Themenführungen: 27.7., 24.8., 21.9., 19 Uhr.

Kuratorenführungen: 22.6., 6., 20.7., 12.30 Uhr; 29.7., 16.30 Uhr; 14.9., 12.30 Uhr; 23.9., 16.30. VHS-Führungen: Mi., Fr. und Sa. 16 Uhr. Gruppen: Buchung unter www.lenbachhaus.de.

Gerade Freizügigkeit war Programm, wie schon ein erster Blick in den Almanach beweist. Da finden sich Abbildungen von der malayischen Holzplastik bis zur bayerischen Votivtafel, von Marcs Gemälden bis zu mittelalterlichen Stickbildern. „Uns ist wichtig zu zeigen“, meint folglich Museumsdirektor Helmut Friedel, „dass das eine ganz gemischte Truppe war. Daher die unterschiedlichen Ansätze.“ Er weist auf eine weitere Besonderheit hin: die Liebe zu den strahlenden Farben - im Gegensatz zu den Brücke-Künstlern.

Noch etwas sei bedeutsam: „Wir haben uns jedem einzelnen Bild gewidmet.“ Genau das macht das Besucher-Glück im Kunstbau aus. Denn die Werke, und sei ein Blatt noch so winzig, werden sorgfältig als Individuen in Szene gesetzt. Deswegen wurde die lange Halle durch Einbauten und Pavillons für Wassily Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee dezent rhythmisiert und durch die Wandfarben Grau, Taubenblau und Weiß untergliedert, ohne dass man sich räumlich verzettelt hätte. Kühn ist der Entschluss, die Werke in einer Reihe auf Augenhöhe aufzuhängen. Aber das ist nur auf den ersten Blick ein Wagnis. Diese Strategie stellt sich als besucherfreundlich heraus, weil man beim Schauen nicht durch Inszenierungs-Sperenzchen abgelenkt wird.

Wassily Kandinsky: Einer der zehn Entwürfe für den Umschlag des Almanachs „Der Blaue Reiter“ (1911), die alle in der Ausstellung zu sehen sind (Ausschnitt).

Dabei helfen auch die extra angefertigten Rahmen, sofern nicht die alten noch vorhanden waren. Wie etwa der grüne, der eine märchenhafte Dame umfängt. Das erste Bild übrigens, das Kandinsky (1866 bis 1944) seiner Gabriele Münter geschenkt hat. Die neuen Rahmen sind schlicht, mit einfachem Profil, farbig gefasst, oft so, dass man die Holzmaserung noch erkennen kann. Sie stehen leicht von der Wand ab. All das verschafft dem Einzelbild eine Präsenz, die es herausstreicht, ohne die Gesamtharmonie der Ausstellung zu stören. Man nimmt das gar nicht wahr, aber der Besucher merkt, dass ihn die vielen kleinen Formate nicht ermüden. Die Konzentration beim Betrachten bleibt ganz natürlich erhalten - obwohl es bei 50 Lux relativ dunkel ist. Die Konservatoren sind bei Papierarbeiten besonders streng.

Als Einstieg in die Präsentation sind neben der Rampe die biografischen Daten zu Großfotos der 16 „Reiter“ angebracht. Künstlerisch wird der Besucher von Kandinskys Entwürfen für den Umschlag des Blauen-Reiter-Almanachs empfangen. Bezaubernd schön, jedes Blatt zum Verlieben - zugleich sieht man, wie der Maler vorgegangen ist, wie er die Motive getestet hat. Da von ihm 74 Arbeiten gezeigt werden, ist dieses Ausprobieren immer wieder zu verfolgen: das stete Wachsen der Abstraktion aus dem geduldigen Ausforschen der Formen, Farben und Linien.

Parallel dazu Münter (1877 bis 1962), die uns Reise-Impressionen von Tunis oder Rapallo schenkt und witzig pointierte Personencharakterisierungen in Bleistift. Franz Marcs Postkarten mit ihren farbbrillanten Tierszenen en miniature sind ein weiterer Höhepunkt. Höchst eindrucksvoll aber auch seine Holzschnitte. Sein Tiger darf dann an Heinrich Campendonks (1889 bis 1957) asiatischen Märchen-Tiger heranschleichen. Solche „Andockmanöver“ machen für den Betrachter die Bezüge zwischen den Künstlern deutlich, selbst wenn sie knapp ausfallen wie etwa bei Robert Delaunay (1885 bis 1941) und August Macke (1887 bis 1914).

Die Heiteren und der Düstere

Am eindrucksvollsten als Außenseiter ist Alfred Kubin (1877 bis 1959). Er präsentiert in all dieser Heiterkeit, zu der sich auch die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869 bis 1945) bei ihren „Prinz Jussuf“-Figürchen bekennt, die Düsternis, die Angst, den Albtraum, gelegentlich aufgehellt durch rabenschwarzen Humor. Der größte Könner der kleinen Form ist aber Paul Klee (1879 bis 1940). Auf 35 Blättern tut sich ein stupendes Können auf. Egal, ob er grafisch schier unerschöpflich immer noch eine andere Möglichkeit ausprobiert oder ob er Farben deliziös und poetisch kombiniert.

Von Simone Dattenberger

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