Eine ganze Salve muss es sein

- Ein Psychothriller ist diese Berliner Schaubühnen-"Nora". Deshalb gibt es, wenn auch erst als Schlusspunkt eines schier unmerklichen Nervenzerrens, eine Mordtat. Das Einzige, was Thomas Ostermeier abweichend von Ibsens Emanzipationsstück "Nora (Ein Puppenheim)" inszenierte. Ein Schuss auf Rechtsanwalt Helmer genügt dessen Frau Nora dabei nicht. Eine ganze Salve muss es sein. Denn Nora will eigentlich nicht einen toten Mann haben, sondern nur eine starke Frau sein. Und da bricht sie aus ihr heraus, diese unbändige Gewalt, dieses rauschhafte Schießen auf einen bereits durchlöcherten Toten.

<P>So sehr Ostermeiers gerühmte und sorgfältige Inszenierung, die am Wochenende in den Münchner Kammerspielen zu Gast war, auch eine Aktualisierung zu sein scheint, letztlich verblüfft sie einmal mehr damit, wie zeitgemäß nach 125 Jahren Ibsens Schauspiel um eine als "Singvogel" gehaltene Frau noch ist. Ein Puppenheimchen am Edelstahlherd. Man muss dieses Stück nur in einem kühl designten Sichtbeton-Würfel (Bühne: Jan Pappelbaum) mit Mahagoni-Treppe und Deko-Aquarium spielen, Rechtsanwalt Helmer per Head-Set konferieren und Nora statt Tarantella einen Body-Work-Out tanzen lassen. Und wenn Helmer dem Glanzstück seines ganzen Besitzes die Hand unter die Bluse schiebt und sich vorstellt, "ich wär zum ersten Mal mit Dir allein", braucht es für die Erotik keine deutlicheren, heutigen Worte mehr. Mit passgenauen Gesten ergänzen die Schauspieler die Sprache, die manches sinnstiftend verschweigt. Aber das ist manchmal zu viel des Guten: Alles wird hier erklärt, belegt, gedeutet. Die letzten Rätsel unausgesprochener Gedanken posaunen Musikeinlagenheraus: "It could be so nice", hätte Nora nicht versucht, ihren Mann zu retten und eine Unterschrift gefälscht . . .</P><P>Dass man das Erwartbare - die simpel gestrickten Soap-Opera-Persiflagen, aber auch die mit Edel-Emotionen gestylten Szenen - dennoch genießt, liegt an den hervorragenden Schauspielern, allen voran Anne Tismer. Aus ihrer manischen Selbstvergewisserung über ihr Lebensglück schält sich ein handfester Konflikt heraus. Das niedliche "Schneckchen" wird zur Fratze, legt die Finger als teuflische Hörnchen an den Kopf: Nicht mehr länger wird sich Nora auf die Willensstärke eines Einrichtungsgegenstands reduzieren lassen.</P><P>Einen makellosen Banker spielt Jörg Hartmann, die Verwandlung seiner Frau übersteigt seinen Börsennachrichten-Horizont. In Goretex-Jacke und mit vorwurfsvollen Minderwertigkeitskomplexen gibt Kay Bartholomäus Schulze den Nestbeschmutzer Krogstad. Wenn unter dem Druck der beiden am Ende das Spielzeug sein Puppenheim zerstört, die Mörderin am Boden kauert, dann spürt man, dass nicht nur alles kaputt ist, sondern alles nie heil war.</P>

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