Eine geballte Ladung Talent

- "Fantastic!", lobt der Maestro und ruft den Holzbläsern noch ein "Bravi!" zu. Seine Musiker strahlen zurück. Sie gehören zu den rund 140 Mitgliedern des European Union Youth Orchestra (EUYO), das vor knapp zwei Wochen seine Residenz, eine intensive Probenphase, in Garmisch-Partenkirchen begann. Konzerte mit Strauss, Mozart, Brahms folgen in Garmisch (heute, 19.30 Uhr, und morgen, 20.15 Uhr, im Kongresshaus), in München (22. April, 20 Uhr, Herkulessaal), bei Salzburgs Osterfestspielen und in Bozen.

"Diese jungen Menschen geben immer hundert Prozent, bei jeder Probe, jedem Konzert", freut sich Vladimir Ashkenazy, der seit sechs Jahren Chef des EUYO ist. "Das ist nicht bei allen Profi-Orchestern - die Top-Ensembles ausgenommen - so. Viele Musiker werden müde, haben schon zum hundertsten Mal Beethovens Fünfte oder Brahms' Erste gespielt. Es ist nicht immer leicht, solche Orchester zu inspirieren." Anders beim 1976 von Claudio Abbado gegründeten EUYO. Da trifft Ashkenazy auf ansteckende Begeisterung und eine geballte Ladung Talent. Jährlich bewerben sich 4000 Studenten. Mehrere Tutoren hören sich die Interessenten an und wählen die besten aus.

Gespräche mit Schulklassen

Zsolt-Tihamer Visontay etwa, der 23-jährige Deutsch-Ungar, spielte sich vom Tutti-Geiger 2001 an die Spitze und übernimmt als Konzertmeister auf dieser Frühjahrs-Tour die heiklen Soli in Richard Strauss' "Heldenleben", "Bürger als Edelmann" und "Metamorphosen". "Strauss ist keine Voraussetzung für Garmisch", erläutert Bernd Gellermann, der als Konzertmanager der Marktgemeinde ein Bindeglied zwischen winterlicher Konzertreihe und Richard-Strauss-Tagen suchte und beim EUYO fündig wurde. Er lud das Orchester für drei Residenzen 2006, 2007 und 2008 ein - übrigens die ersten in Deutschland. Während die Gemeinde Kost und Logis stellt, verzichtet das EUYO auf eine Gage und bietet Schulklassen die Möglichkeit zu Probenbesuchen und Gesprächen.

"Der Austausch wird sich in den kommenden Jahren sicher noch intensivieren", resümiert ein leicht gestresster, aber glücklicher Gellermann. "Wenn Europa auf allen Ebenen so gut funktionieren würde wie bei diesem Orchester, lebten wir im Paradies." Dass am liebsten immer alle Musiker auf dem Podium säßen, spricht für ihre Begeisterung und für ihren Meister Ashkenazy: "Natürlich spielen wir die ganze große Literatur. Mahler, Bruckner, Strauss, Schostakowitsch. Aber zuweilen ist es auch wichtig, in kleinerer Besetzung Beethoven zu musizieren. Ich muss vorsichtig eine Balance finden. Außerdem muss das Orchester auch mit anderen Dirigenten arbeiten." Nach Abbado leitete Bernard Haitink das EUYO, das renommierte Gäste an sein Dirigentenpult holte: Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Georg Solti, Daniel Barenboim, Colin Davis, John Eliot Gardiner. "Wir arbeiten hier mit den besten Dirigenten zusammen", schwärmt die 24-jährige, englische Bratschistin Amy Fawcett, die auch auf einen guten Start in den Beruf hofft. Ihr finnischer Schlagzeug-Kollege Samuli Vitanen hat das bereits geschafft: "Ich habe ein Engagement an der Finish National Opera in Helsinki."

Nicht nur bei den Proben sehen sich die jungen Leute. "Spontan finden sich immer kleinere Gruppen zur Kammermusik aus Spaß an der Freud'", verrät der aus München stammende Geiger Martin Emmerich. Und Kontrabass-Kollege Benjamin Cunningham aus Liverpool fügt hinzu: "Es ist eine einmalige Chance, junge Musiker aus ganz Europa kennen zu lernen und Freunde zu finden."

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