Eine Tür geöffnet

- Lang Lang war gerade da, Brendel und Volodos, auch der gerade in die PR-Maschine geratene Martin Stadtfeld kommen noch: Hohe Zeiten für Münchner Klavierfans sind das. Und eine der schwersten Aufgaben stemmt dabei Jewgenij Kissin in der Philharmonie. Beethovens fünf Klavierkonzerte in zwei Etappen, die drei ersten sogar an einem Abend, dazu gehören Chuzpe, Kondition, nie erlahmende Gestaltungskraft und ein Höchstmaß an technischer Sicherheit.

<P>Über all das gebietet Kissin. Nach zwei Stunden also allseits Staunen und heftiger Jubel, obwohl der Russe erst in Beethovens Kosmos hineinzuwachsen schien. Offenbar liegen ihm die späteren Konzerte mehr als Nummer zwei, das Verspielte, Haydn-nahe und noch vor dem ersten Entstandene. Eine Spur zu nachdrücklich, zu sachlich wurde das von Kissin gedeutet, wiewohl sich da schon Einmaliges ereignete: der gezauberte Schluss des Mittelsatzes, als habe sich die Tür zu einer anderen Welt geöffnet, auch die leicht "gestörte" Rhythmik des letzten Satzes mit den scharf herausgespielten Pointen.<BR><BR>Kissins Kunst kam die danach und historisch korrekt platzierte Nummer eins entgegen. Anders als die großen alten Lyriker ist er weniger Klangmagier, eher Strukturalist. Und dabei verfügt er über eine extreme Bandbreite an Nuancierungen: das zartsinnige, nie gefühlige Melos im Largo, die ansatzlosen, wie Überraschungsangriffe platzierten Akzente; die verblüffend lockeren Triller und Läufe, in denen dennoch jeder Einzelton profiliert wird. Kissin leistet sich keine Rubato-Mätzchen, sucht den Dialog, entwickelt seine kristalline Dramatik rein aus der musikalischen Substanz.<BR><BR>Akzente wie Überraschungsangriffe</P><P>Hier wie auch im dritten Konzert bildete Kissin das Impulszentrum, musste dabei ersetzen, was Dirigent Lawrence Foster und das Gulbenkian Orchestra Lissabon schuldig blieben. Ein solides Ensemble, dem der wohlgerundete Klang gut steht. Und nutzten die Musiker in Nummer eins auch wirkungsvoll die majestätische Introduktion, so wurde doch der c-moll-Furor von Nummer drei fast ignoriert, als harmlose Eintrübung serviert.<BR><BR>Spätestens der Schlusssatz, den Kissin mit scharfkantiger Prägnanz und wie entfesselt spielte, rief dringend nach einem orchestralen Widerpart. Aber das hätte die ohnehin stolzen Maximalpreise (125 Euro) wohl ins Unermessliche getrieben.<BR></P><P> </P>

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