Eine glänzende Charlotte

- Gefühl ist alles - Handlung reine Nebensache. Und das Ganze sozusagen ein einziges Liebesduett, das vom zarten Lied zum hochdramatischen Verzweiflungsschrei anschwillt. Nicht gerade ideale Voraussetzungen für die Opernbühne, auf die Jules Massenet seinen "Werther" - einen Extrakt aus Goethes stürmisch-drängendem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" - gut hundert Jahre nach dessen Entstehung 1774 hievte.

<P>Werther ist ein tatenloser Titelheld, von dem Shaw spöttisch behauptete, er habe nur zwei aktive Augenblicke: Jenen, wenn er Charlotte einen Kuss zu rauben versucht, und den zweiten, wenn er sich hinter der Szene erschießt. Ein Problemfall also, dem sich am Münchner Gärtnerplatztheater jetzt die junge Regieassistentin und Abendspielleiterin Julia Riegel widmete, angefeuert von Constantinos Carydis am Pult.</P><P>Vom Premierenpublikum wurde vor allem er mit heftigem Beifall gefeiert. Der Dirigent stand ganz eindeutig auf der Gewinnerseite, zumal Massenets Drame lyrique seine Reize eigentlich als Hörstück offenbart. Schon mit den ersten Akkorden wies der junge, wie stets temperamentvoll und präzis agierende Grieche dem "Werther" seinen Weg - Richtung große, dramatische Oper. In den emphatischen Steigerungen und den sich aufbäumenden Aktschlüssen entlud das phonstarke Orchester die aufgestaute Seelenpein der Protagonisten. Obwohl Carydis die Dramatik schürte, blieb er dem Lyrischen auf der Spur und setzte mit den heiteren Gesängen der Amtmanns-Kinder, mit dem fröhlichen Trinklied der Amtmanns-Freunde und mit Sophies zarten Aufmunterungen lichte Akzente. Immer wieder ließ er Massenets gekonnte, stimmungsfördernde Orchestrierungskunst durchscheinen.</P><P>Obwohl die orchestralen Fortissimo-Ausbrüche den kleinen Graben fast sprengten, blendete Ann-Katrin Naidu als Charlotte ihre Leuchttöne mühelos darüber. Den weiten Phrasierungsbögen folgend, entfaltete sich ihr metallisch glänzender, bruchloser Mezzo. Souverän und attraktiv stand s i e im Fokus, dabei fast ein wenig kühl, auf jeden Fall frei von jeglicher Sentimentalität.<BR>Gleiches lässt sich vom Titel gebenden Werther des Harrie van der Plas leider nicht behaupten. Er mühte sich mit allzu engem Tenor, viel Kraftaufwand und einigen Schluchzern durch die heikle, heldische Pracht und lyrischen Schmelz fordernde Partie. Goethes autobiografisch angehauchter, verzweifelt Liebender ist eine unglückliche Figur - van der Plas machte sie auch. Da helfen selbst die schmucken hellblauen Werther-Röcke wenig, die Caroline Neven Du Mont ihm angepasst hat.</P><P>Eine Spur kunstgewerblich</P><P>Sie schwelgt - ein bisschen zu aufdringlich, fast wie bei einer Modenschau - in pastell getönten, biedermeierlich inspirierten Gewändern und holt sich als Bühnenbildnerin Goethe selbst ins Boot. Kreide-, Rötel-, Kohle- und Bleistiftzeichnungen des Dichters werden in den Prospekten geschickt zitiert und fortgeführt in den Genreszenen des sommerlich-sonnigen Gartens und des dezent herbstlichen Kirchplatzes.</P><P>Den dritten Akt dominiert ein riesiger Weihnachtsbaum, bevor sich der vierte zum Schneetreiben in einer eisigen Winterlandschaft vor blauem Horizont weitet. In dieser Szenerie - arg glatt und eine Spur kunstgewerblich - bürstet auch Jungregisseurin Julia Riegel nichts gegen den Strich.</P><P>Munter dürfen die lieben Kleinen um den sympathisch-großväterlichen, weiß-mähnigen Amtmann (Martin Hausberg) herumhüpfen, Johann (Holger Ohlmann) und Schmidt (Adam Sanchez) sich mit dem Girlandenschmuck herumplagen. Und schließlich lässt sie auch noch das von Massenet und seinen Librettisten ausgeblendete Volk im Schattenriss (2. Akt) vorüberziehen und zuletzt gar ein Werther-Knäblein den Selbstmörder in die (Kinder-)Schar der Engel geleiten.</P><P>Erfreulich, dass Julia Riegel Charlottes farblosem Ehemann Albert zumindest das Profil eines unsympathisch-steifen Biedermannes (von Torsten Frisch stimmlich beglaubigt) verpasste und Schwesterlein Sophies (von Mà`rta Kosztolà`nyi mit frischem Silbersopran ausgestattet) Tröstungsversuche unterstützte. Ärgerlich hingegen, dass niemand aus dem Team die oft peinlich-komische, deutsche Übersetzung verhinderte. Denn: Im Original hätte man von Werther genau so wenig verstanden, aber da es in dieser Oper doch nur um Stimmung geht, hätte Französisch allemal schöner geklungen.<BR><BR></P>

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