Wie eine Gottesprobe

Gespräch mit Lukas Bärfuss: - Sich immer wieder neu zu erfinden, das ist für Lukas Bärfuss ein Lebensbedürfnis. 1997 zum Beispiel erfand er den Schriftsteller Bärfuss. Da hatte der kantige Schweizer gerade sein Diplom als Buchhändler gemacht, seine Stelle gekündigt, war in eine andere Stadt gezogen, in eine billigere Wohnung und begann, sich von "Linsen und Speck" zu ernähren. Zuvor hatte es den Tabakhändler, Gabelstaplerfahrer, Eisenleger und Gärtner Bärfuss gegeben.

Die "Linsen und Speck"-Phase dürfte inzwischen vorbei sein: Der 35- Jährige war Nachwuchsautor des Jahres 2003, Dramatiker des Jahres 2005, und sein Stück "Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)" wurde bei den Mülheimer Theatertagen ausgezeichnet. Ab 2001/2002 war "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde" an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Und dort erlebt heute um 20 Uhr das Auftragswerk "Die Probe (Der brave Simon Korach)" in der Regie von Lars-Ole Walburg seine Uraufführung.

"Früher gab es doch immer einen Restzweifel an der Vaterschaft."

Lukas Bärfuss

Ein Mann lässt einen Vaterschaftstest machen: Er ist nicht der Vater seines Sohnes. Über dieser Wahrheit zerbricht die ganze Familie. Oliver Mallison und Katharina Lorenz spielen das junge Paar, Hans Kremer und Gundi Ellert die Eltern des Mannes.

Ein trivialer Stoff? "Die Vatersuche ist ein uraltes Thema", sagt Bärfuss. "Früher gab es immer einen Rest Zweifel und damit einen Interpretationsspielraum. Heute kann man innerhalb von zehn Tagen die Vaterschaft nachweisen, und es gibt nur ein Ja oder Nein. Das ist wie eine mittelalterliche Gottesprobe, daher der Name des Stücks. Mich interessiert das Unvereinbare der hochwissenschaftlichen Methode mit der archaischen, biologischen Thematik und der eigentlich seit Jahrtausenden unveränderten Tierhaftigkeit des Menschen."

Erstaunlich ist, dass diesem Autor Figuren und Sprache nach eigenem Bekunden viel wichtiger sind als die Stoffe. Gerade mit seinen unkonventionellen Themen aber fällt er auf -­ wie jetzt mit dem Vaterschaftstest. Der stehe für das Problem der Figuren, dass sie einem alten, auch staatlich geschützten Familienbild verhaftet seien, in welchem biologische Beziehungen wichtiger sind als soziale. Er suche seine Stoffe nicht, er finde sie, sie säßen auf der Straße und schrieen ihn an, beschreibt der Dramatiker, der eigentlich Romancier werden wollte. Vor seiner literarischen Selbsterfindung hatte er übrigens nichts geschrieben "außer kistenweise Liebesbriefe".

Die Adressatin ist jetzt seine Frau. Die ersten Stücke verfasste der Vater eines Kindes für eine Schweizer Theatergruppe. Nach einigen Erfolgen kamen schon die Auftragswerke für große Bühnen. Freiheit oder Beschränkung? "Kunst ist immer Beschränkung. Mit dem ersten Wort, das man schreibt. Auch Sachzwänge sind hilfreich, denn Schreiben macht komisch." Und weil Bärfuss es liebt, "im offenen Meer zu schwimmen", erfindet er sich derzeit wieder teilweise neu, nämlich endlich als Romanautor.

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