So eine Kampfeslust

- "Das ist eine tolle Frau. Die ist wild, die nimmt sich, was sie braucht. Sie geht keine Umwege, macht keine Kompromisse. Sie ist eine Geschäftsfrau." So bewundert die Schauspielerin Sophie Wendt Frau Muskat, ihre neue Rolle, die Ringelspielbesitzerin in Franz Molnars "Liliom". Morgen ist im Münchner Volkstheater Premiere, Regie führt Christine Eder.

Niklas Reinke spielt die Titelrolle, den von den Weibern so geliebten, armen Hallodri, den die Muskat als ihren Liebhaber aushält und als Karussell-Animateur ausbeutet.

Für Sophie Wendt ist das nicht die erste Begegnung mit diesem Wiener Klassiker. Vor Jahren spielte sie, ebenfalls am Münchner Volkstheater, in der Inszenierung von Ruth Drexel und an der Seite von Hans Brenner die Julie, jenes junge Mädchen, das Liliom verfallen ist und ihn der Muskat abspenstig macht.

Nein, dass sie nun die andere, die ältere Frau spielt, die man sich üblicherweise als temperamentvolles Vollweib vorstellt, überrascht die stille, zurückhaltende Sophie Wendt nicht. Sie freut sich darüber, denn: "In dieser Muskat steckt so eine Kampfeslust, die mir gefällt. Früher wurde ich, vermutlich aufgrund meiner großen Augen, immer als ernsthaftes Mädchen besetzt", erzählt sie. "Das bin ich nicht mehr. Jetzt werden die Rollen skurriler und schöner."

Fünf Jahre war sie bei Drexel am Volkstheater. Und fünf Jahre ist sie nun schon bei Christian Stückl am selben Haus. Aber es komme ihr vor, als seien das zwei ganz verschiedene Theater. Dabei ist das alles noch gar nicht lange her. "Doch ich spüre die Veränderung. Das Theaterspielen ist plötzlich etwas anderes. Die Geschichten sind jetzt wohl mehr am Leben dran." Früher, sagt die Schauspielerin, die selbst gerade erst mal 40 Jahre alt ist, "früher waren die Geschichten mehr verschlüsselt. Sie ließen dem Zuschauer mehr Platz für seine Fantasie. Heute schaut man mehr auf das, was der Regisseur macht."

Die Feststellung will kein Werturteil sein. Denn Sophie Wendt gefällt, was Christine Eder aus den Stücken herausholt. Sie kennt die junge Österreicherin schon aus der Inszenierung von "Frühlings Erwachen", in der Wendt die Mutter spielt. Auch bei "Liliom", sagt sie, bleibe die Regisseurin ganz dicht an der Vorlage, und dennoch werde die Geschichte aktualisiert: "Sie hat so eine ganz andere Sichtweise. Sie ist viel heutiger als ich. Sie sieht die Sachen sehr ungeschminkt."

"Theaterspielen ist für mich wie

auf den Spielplatz gehen."

Sophie Wendt

"Ungeschminkt" ­ so sieht Sophie Wendt heute auch ihren Beruf, wenn sie überlegt, warum sie eigentlich Schauspielerin werden wollte. "Ich glaube, da konnte ich so eine gewisse Schüchternheit hintanstellen. Aber je mehr ich in meinem Leben zu meinem Glück, zu meiner Zufriedenheit komme, umso mehr stellt sich der Beruf in Frage. Das Leben ist woanders." Eine Erkenntnis, die den Beruf auch leichter mache: "Man gewinnt mehr Abstand zu den Rollen und damit eine größere Freiheit, Dinge zu erfinden. Man dreht sich nicht mehr immer nur um sich selbst", sagt die gebürtige Innsbruckerin und Mutter zweier Kinder. Und sie gesteht, sich manchmal am Volkstheater, das nun einmal von den ganz jungen Schauspielern dominiert wird, vorzeitig alt fühle. "Theaterspielen ist für mich wie auf den Spielplatz gehen", sagt sie. "Natürlich spüre ich auch, wie anstrengend es ist. Aber ob das alles einen Nutzen hat?"

Will‘s vielleicht auch gar nicht. Denn, so stellt Sophie Wendt ein bisschen ernüchtert fest: "Die Kämpfergeneration der Eltern ist ohne Nachfolger; heute geht einem die Genügsamkeit der Jungen auf die Nerven."

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