Wie eine Katze auf dem Eis

- Letztes Jahr Salzburger Festspiele, kürzlich ein Riesenerfolg in Wien als Charlotte in Massenets "Werther": Elina Garanca hat sich innerhalb kürzester Zeit an die internationale Sängerspitze katapultiert. Die Mezzosopranistin stammt aus Riga, kam über Meiningen und Frankfurt ins Ensemble der Wiener Staatsoper - und ist am Donnerstag in München zu hören, als Solistin in Dvoráks Requiem mit dem Symphonie-Orchester des BR und Dirigent Mariss Jansons.

<P>Geht's Ihnen mit der Karriere ein wenig zu schnell? Kommen Sie noch zum Luftholen?</P><P>Garanca: Ich habe gute Menschen zu Hause, die mich immer wieder auf den Boden holen. Nicht, dass ich die positive Resonanz missachte. Aber die schönen Kritiken sind doch nur ein Kredit. Nach oben zu kommen, ist einfacher, als dort zu bleiben. Die menschliche Entwicklung braucht manchmal etwas mehr Zeit, als es der Ruhm vorgaukelt.</P><P>Die Charlotte scheint vom Repertoire her ein kleiner Ausreißer zu sein - inmitten Ihrer Mozart-Verpflichtungen.</P><P>Garanca: Von meinem Temperament und von der Stimmfarbe her wird es sicher ins Lyrisch-Dramatische gehen. Bei Mozart und Rossini bleibe ich aber noch eine ganze Weile. Gerade Rossini ist Diät für die Stimme. Es ist bei mir momentan, als ob sich eine Katze vorsichtig übers Eis tastet. Außerdem werde ich irgendwann auch Kinder haben, da weiß ich gar nicht, wie sich das auf die Stimme auswirkt. In zehn Jahren könnte eine Eboli kommen, meine Wunschpartie ist ohnehin die Amneris. Manche prophezeien mir übrigens eine Zukunft als dramatischer Sopran.</P><P>Wie kritisch sind Sie? Können Sie sich ganz locker Ihre Stimme anhören?</P><P>Garanca: Mich selber mag ich eigentlich überhaupt nicht (lacht). Als ich die neue "Norma"-CD mit Edita Gruberova hörte, auf der ich die Adalgisa singe, dachte ich nach fünf Takten: Also jetzt hör' ich mit dem Singen auf. Beim zweiten Mal schien es mir etwas besser zu sein. Meine Mutter war Sängerin, ist jetzt Gesangslehrerin, von der erhalte ich wertvolle Hinweise. Ich brauche sie für die großen Auftritte als Selbstbestätigung.</P><P>War sie erfreut von Ihrem Berufswunsch? Oder hat sie gar abgeraten?</P><P>Garanca: Mein Vater, ein Chordirigent, war ganz ruhig. Meine Mutter war dagegen brutal und hat gesagt: Du hast doch gar keine Stimme, du bist doch nicht musikalisch. Was damals sicher richtig war. Kürzlich sprachen wir über die harte Kritik, da meinte sie, sie wollte mich abhärten und warnen: Es gibt nicht nur Blumen, sondern auch Enttäuschungen, unendliche Selbstzweifel, Kampf mit Regisseuren usw.</P><P>Und erleben Sie den Beruf auch so?</P><P>Garanca: Das wechselt ständig. Ein paar Tage vor jeder Premiere befallen mich größte Selbstzweifel, da bin ich apathisch und denke, dass mir alles zwischen den Fingern zerfließt. In der Premiere selbst bin ich ganz ruhig.</P><P>Weiß man eigentlich nach der Vorstellung, wie's war? Wie viel gesteht man sich überhaupt ein?</P><P>Garanca: Manchmal stehe ich auf der Bühne, sterbe fast vor Hingabe und finde mich bombastisch. Und dann kommen Kollegen und fragen: Was war los? Fühlst du dich nicht gut? Andererseits gibt es Abende, da leidet man "nur" professionell, denkt an die Einkäufe am nächsten Morgen - und die Leute werden verrückt! Ob Energie 'rüberfließt oder nicht, kann man sich letztlich also nicht erklären.</P><P>Wie viele Widerworte erlauben Sie sich bei Regisseuren?</P><P>Garanca: Ich komme ja aus einem Land der früheren Sowjetunion. Also gibt es eine Grundangst, zu viel zu sagen. Dennoch: Wenn der Regisseur vorbereitet und überzeugend ist und mir vertraut, können wir während der Proben zu den glücklichsten Menschen werden. Andere haben's vielleicht schwer mit mir.</P><P>Manche Sänger brauchen ja Bewegung auf der Bühne, um locker zu sein.</P><P>Garanca: Auch meine besten Phrasen sind immer dann, wenn ich beschäftigt bin. Aber mein kleiner Computer läuft stets mit. Totales Verlieren in der Rolle geht ja nicht, da dauernd Feinhandwerk gefragt ist. Ich glaube aber, dass die Technik bei heutigen Sängern, durch die Anforderungen des Regietheaters, stabiler geworden ist. Oper als reine Hörkunst, das ist ohnehin vorbei. Besonders junge Zuschauer brauchen, bedingt durch Video, Kino und Fernsehen, mehr als Stehen und Singen. Dafür allerdings sind Regie-Könner gefragt.</P><P>Nach dem großen Schritt von Riga in den Westen: Wie stark ist eigentlich das Heimweh?</P><P>Garanca: Was den Beruf betrifft: Mein professionelles Leben hat sich außerhalb der Heimat abgespielt, die erste Bühnenerfahrung war mit 22 in Meiningen. Natürlich habe ich Sehnsucht nach meiner Familie, meinen Freunden. Und wenn ich zwei-, dreimal pro Jahr zurückkomme, gibt es garantiert jedes Mal eine Party bis fünf Uhr morgens.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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