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Auf verschiedene Zeitebenen wird gespielt: Hier v.l. Mélissa Petit (Edilia), Florian Spiess (Raymondo), Wolf Matthias Friedrich (Consalvo), Klara Ek (Almira), Manuel Günther (Osman), Viktor Rud (Fernando), Rebecca Jo Bloeb (Bellante) in den Zwanzigerjahren und in der elisabethanischen Ära.

Premierenkritik

Eine Königin in Nöten

Innsbruck - Georg Friedrich Händels erste Oper, „Almira“, wurde in Innsbruck für die Festwochen der Alten Musik inszeniert. Eine Premierenkritik.

Die schönste Geschichte hat nur bedingt mit „Almira“ zu tun. Mitten auf dem Hamburger Gänsemarkt ist sie passiert, direkt vor der Oper. Da duellierten sich 1704 Georg Friedrich Händel und sein komponierender, singender Künstlerfreund Johann Mattheson. Der Grund: keine Frau, sondern Händels Hartnäckigkeit, als der in einer Aufführung von Matthesons „Cleopatra“ nicht das Cembalo für den Kollegen räumen mochte. Ein Knopf auf Herzhöhe rettete Händel angeblich das Leben – und sicherte uns weitere Werke des damals jungen Wilden.

Im selben Jahr, mit 19, hatte sich Händel in Hamburg an seinen Erstling gewagt. „Almira“ ist kein Fall fürs Repertoire, eher fürs Archiv – und eben für Spezialfestivals wie in Innsbruck. Es götterfunkelt schon ein bisschen, kein Vergleich freilich mit dem, was Mozart als Teenie glückte. Mit dem Drama um die kastilische Königin gehen die Festwochen der Alten Musik also zurück zu den Anfängen. Als Händels Opern noch nicht den Überwältigungsfuror und das innigliche Melos hatten, jene Zutaten, aus denen er Hits am laufenden Opernmeter köchelte. Immerhin einer zeichnete sich damals ab: „Lascia ch’io pianga“, der Herzschmerz-Schlager aus „Rinaldo“, hat seinen Vorläufer in „Almira“, damals erklang die Melodie noch als anmutige Sarabande.

Dirigent Alessandro De Marchi, künstlerischer Chef in Innsbruck, stellt das in der Premiere sogar gegenüber. „Lascia ch’io pianga“ wird importiert und beschließt den ersten Teil. Und so, wie die Academia Montis Regalis plötzlich aufrauscht, wie sie sich hineinkniet in die Nummer, wird deutlich, was der „Almira“ abgeht. Dazu kommt, dass De Marchi das Gegenteil eines Überrumplers ist: elegant, feinsinnig, wohlerzogen bis zur Selbstverleugnung. Und, ja, auch ein bisschen langweilig. Seine Academia folgt ihm dabei aufmerksam, Klangfarben scheinen manchmal wichtiger als die Intonation. Den Dreiakter hat De Marchi kundig auf drei Stunden gestutzt, meist in den Da Capi der Arien. Und ihm manchmal auch mit Bläserstimmen Extra-Würze verpasst. Das ist legitim, von der „Almira“ gibt es keine originale Partitur, nur eine Abschrift Telemanns. Nach der Pause, wenn sich die Tanzszenen häufen, bekommt der Abend mehr Zug. Dass das Stück an der komplexen Handlung und musikalischen Formalismen kränkelt, dafür kann die Aufführung jedoch nichts.

Psychologisierung der Figuren, so etwas war damals noch nicht à la mode. Regisseurin Jetske Mijnssen verlangt folglich nicht mehr von „Almira“, als sie hergibt. Es ist eine behutsame Annäherung von außen. Auf vier sich ablösenden Zeitebenen lässt sie das Stück spielen. Im gezierten Barock, in den hochtourigen Zwanzigerjahren, in der elisabethanischen Ära (was burleske Wirkungen provoziert) und im Heute. Im Mittelpunkt: eine Königin zwischen allen Stühlen und Männern. Eine Frau auf der Suche nach ihrem Platz und ihrer Bestimmung, bei der ihr auch die wechselnden Identitäten nicht helfen können.

Auf der sich sacht drehenden Holzgerüst-Bühne von Ben Baur entwickelt sich eine Folge von Einzelszenen und Tableaus. Schlaglichter auf eine in Regeln verpanzerte höfische Gesellschaft: Händels Hang zum Situativen spiegelt das durchaus wider. Für die beiden weiblichen Hauptrollen hat er knifflig hohe Sopranpartien geschrieben. Klara Ek absolviert das als Almira mit aristokratischer Finesse, Mélissa Petit agiert als Edilia offensiver, lustvoller. Auch in der Herrenriege wird achtbar gesungen. Wolf Matthias Friedrich (Consalvo) führt vor, wie man die Gesangsparts beleben sollte. Aufhorchen lässt der zurückhaltend, umso intensiver singende Florian Spiess als Raymondo.

Drei „Almiras“ werden während der Innsbrucker Festwochen gezeigt, die Aufführung ist koproduziert quasi mit dem Uraufführungsort, mit der Hamburgischen Staatsoper. Neben Konzerten gibt es zwei weitere Premieren, „L’Orontea“ von Pietro Antonio Cesti mit Nachwuchssängern (ab 22.8.) und „Narciso“ von Domenico Scarlatti unter Fabio Biondi (ab 29. 8.). 2015 muss eine Produktion gestrichen werden, das Festival ist – teils aus eigenem Verschulden – in die tiefroten Zahlen gerutscht. Es gibt einen neuen Geschäftsführer und eine bittere Erkenntnis: Die gloriosen Zeiten,  als  Barockkönig René Jacobs Innsbruck zu einem pulsierenden Zentrum der Alten Musik machte, sind wohl vorbei.

Weitere Aufführungen: am 14. und 16. 8.; die Festwochen dauern bis 31. 8.; Telefon  00 43/ 1/ 88 088; www.altemusik.at.

Markus Thiel

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