Eine kostbare Zeit

- Durch seine Berufung, ein Coup des 83-jährigen Prinzipals, ist der Nachfolge-Streit erst einmal vertagt worden. Klaus Schultz, Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters und derzeit fast täglich auf dem Grünen Hügel zu sehen, ist "freier Mitarbeiter" bei den Bayreuther Festspielen. Falls Wolfgang Wagner abdanken muss, soll Schultz den Betrieb als Interims-Chef übernehmen, bis ein Thronfolger (eine Thronfolgerin?) gefunden wurde.

Wie sieht Ihr Arbeitstag in Bayreuth aus?<BR><BR>Schultz: In diesen Wochen befasse ich mich mit allen personellen, räumlichen, dispositionellen und künstlerischen Fragen und lerne dabei sehr viele Aspekte dieser besonderen Art der Vorbereitung kennen, nämlich sieben Opernprojekte quasi gleichzeitig voranzubringen. Gleichzeitig bespreche ich mit Herrn Wagner die Planung für die nächsten Jahre.<BR><BR>Gibt es eine Arbeitsteilung mit Wolfgang Wagner?<BR><BR>Schultz: Nein. Ich bin ihm nicht "zur Seite gestellt". Ich bin freier Mitarbeiter, weshalb mein Rat unabhängiger sein kann, als wenn ich in einem Angestelltenverhältnis beschäftigt wäre.<BR><BR>Welchen Einfluss haben Sie auf Besetzungen und Stückplanungen?<BR><BR>Schultz: Ich diskutiere zum Beispiel Besetzungsvorschläge. Die Planungen bis 2006 steht ja weitgehend, für 2005 wird noch sondiert. Eine dramaturgische Begleitung meinerseits kann sich entwickeln, das hängt von den Regieteams ab. Ich habe etwa mit Regisseur Claus Guth und dem Bühnenbildner Christian Schmidt schon oft zusammengearbeitet und kann mir vorstellen, dass dies im Falle des "Fliegenden Holländers" 2003 ähnlich sein wird.<BR><BR>Was war die größte Überraschung für Sie in Bayreuth?<BR><BR>Schultz: Überraschung? Ich wusste, dass das Haus sehr gut geführt ist. Dass etwa die dispositionelle Planung bis ins kleinste Detail geht, so dass zum Beispiel ein Sänger, der in irgendeinem dritten Akt schon tot zu sein hat, sofort für die Probe eines nächsten Stücks eingesetzt werden kann. Die Begeisterung der etwa 800 Mitwirkenden, die eine anstrengende Spielzeit hinter sich haben und nun in Bayreuth tätig sind, führt zu einem ganz speziellen, unvergleichlichen Ensemblegeist. Jeder empfindet diese Zeit hier als kostbar.<BR><BR>Abgesehen von konkreten Namen: Haben Sie für die Ära nach Wolfgang Wagner ein bestimmtes Nachfolge-Modell, das Sie favorisieren?<BR><BR>Schultz: Ich kann den Festspielen nur wünschen, dass sie ihre Eigentümlichkeit und Eigenständigkeit bewahren, dass sie nicht in Debatten und Berufungsmechanismen der Politik geraten. Und dass auch in der Zukunft die Festspielleitung nach Möglichkeit in der Hand eines Mitglieds der Familie Wagner liegt.<BR><BR>Und decken sich Ihre Vorstellungen mit denen Wolfgang Wagners?<BR><BR>Schultz (nach einigem Zögern):<BR>Ich denke, sehr.<BR>

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