Eine lange Liebesaffäre

- Es fehlt nur der dicke, güldene Rahmen um dieses üppige, detailverliebte Gemälde, und man könnte es sich glatt über die verschnörkelte Chaiselongue hängen, um sich täglich davon zu Tränen rühren zu lassen. Aus der Nähe besehen ist es natürlich viel zu gigantisch mit seinen über 130 beteiligten Personen. Als Wechselrahmen dieser niederländisch-amerikanischen "Porgy and Bess"-Produktion fungierten immerhin das New York Harlem Theatre, das Berliner Theater des Westens und das Amsterdamer "Carré".

<P>Auch das Münchner Prinzregententheater, wo die Volksoper ab 30. Juli gastiert, gibt nicht die unpassendste Einfassung dafür ab.</P><P>Gershwins Meisterwerk</P><P>Freilich handelt es sich bei dem Erfolgsprodukt der niederländischen Stardust International um eine aktuelle Inszenierung der traurigen Story um einen Behinderten, der die drogensüchtige Bess liebt, ihren Rückfall und ihre Abhängigkeit von ihren Ausbeutern aber nicht verhindern kann. Doch Produzent Henk van der Meyden findet, "das Meisterwerk, das Gershwin 1935 geschaffen hat, ist Kulturgeschichte, und man muss es bewahren, wie es ist." Um es auf die Bühne zu bringen, kann er aber auch gar nicht anders, als dieser Meinung zu sein, denn die Erben von George Gershwin und seinem Bruder Ira, dem Liedermacher, haben ein waches Auge nicht nur auf die Rechte, sondern auch auf die Aufführungspraxis. </P><P>Sogar als die Inszenierung unter William Barkhymers künstlerischer und musikalischer Leitung von den Erben längst abgesegnet war, reisten sie eigens überraschend nach Amsterdam, um sich der bleibenden Qualität zu versichern. Selten gelangt die berühmte Oper bei so strengen Auflagen - volles Orchester mit 55 Musikern sowie exzellente Sänger - überhaupt noch auf die Bühne. Dass sie nicht zum billigen, lieblosen Verkaufsschlager in gesichtslosen Unterhaltungstempeln verkommt, ist allerdings auch den Erben zu verdanken.</P><P>Tatsächlich beseelt eine starke innere Verbundenheit der Künstler diese Produktion, und ein Verkaufsschlager ist sie noch dazu, jedenfalls in Amsterdam. Kein Wunder, wenn man Terry Cook als Krüppel Porgy und Marquita Lister als schöne, wankelmütige Bess singen hört. Lister erhielt im vergangenen Jahr gar von der New York City Opera den Diva Award, dabei will sie eigentlich gar keine sein: "Ich bin glücklich, wenn ich mein Können lieben und bewahren kann. Nach all den Salomes, Toscas und Aidas bin ich nun an einem Punkt meiner Karriere, wo die Dinge sich zusammenfügen. Mit diesem Stück hatte ich bereits eine lange Liebesaffäre im Voraus. Mit Bess muss man leben, um ihre verschiedenen Aspekte zu finden und nicht eindimensional zu bleiben." Das Gefühl, endlich nicht mehr wie eine Ausgestoßene, sondern wie eine Lady behandelt zu werden, motiviere ihre Liebe zu dem Krüppel, sagt die schöne Amerikanerin, die der Bess eine große Portion Erotik verleiht.</P><P>Krüppel im Innern sie, eine gesunde Seele er - so fasst sie den Konflikt zusammen. Terry Cook, der bereits bei Götz Friedrich in Berlin den Porgy sang, sieht das auch so. Nur an Bess' großer Liebe zweifelt er und interpretiert den Porgy daher als einen Mann, der befürchtet, dass sie ihn im nächsten Augenblick verlässt. Zwei Knieschützer an jedem Bein trägt Cook, um den anstrengenden Abend auf seinem Wägelchen knieend überstehen zu können. Die größere Herausforderung ist natürlich der Gesang: "Simon Estes sagt, die Rolle sei schwieriger als der Wotan. Den habe ich nie gesungen und daher keinen Vergleich."</P><P>Anstrengend für die Stimme ist natürlich auch der En-suite-Betrieb. Bis zum 17. August ist "Porgy and Bess", diese enthusiastisch musizierte, sorgfältig ausgestattete, mit strahlenden Stimmen besetzte Oper fast täglich in München zu erleben. </P><P>Telefon: 089/ 54 81 81 81<BR><BR><BR></P>

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