Eine lebendige Kunstform

- Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Das lässt sich eine Institution wie die Bayerische Staatsoper natürlich nicht nehmen. Denn sie hat wahrlich in diesem Jahr allen Grund dazu. Großes Jubiläum: 350 Jahre Oper in München. Aber das ist noch nicht alles. Dazu kommen: 250 Jahre Cuvilliéstheater; 40. Jahrestag der Wiedereröffnung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nationaltheaters; 200. Geburtstag von Franz Lachner, der hier von 1836 bis 1865 Hofkapellmeister war; 200. Geburtstag Gottfried Sempers, der schließlich in München beinahe ein Festspielhaus gebaut hätte.

<P>Etwas Unglaubliches ist gelungen, erstmals in der Münchner Theatergeschichte, wie Projektleiterin und Staatsopern-Pressechefin Ulrike Hessler hervorhebt: nämlich alle Institutionen, die irgendwie mit jenen Gedenktagen zu tun haben könnten, zusammenzuführen, um dieses eine Thema Oper zu bearbeiten. Natürlich jeder auf seine Weise. Das also sind: Bayerische Staatsoper und die Opernfestspiele, das Haus der Kunst mit der Ausstellung "Theatrum mundi - Die Welt als Bühne" (ab 24. 5.), das Architekturmuseum (Semper-Ausstellung, ab 4. 6.), die Residenz (eine Libretto-Schau, ab 23. 6.), Gärtnerplatztheater, Deutsches Theatermuseum ("Kostbarkeiten der Erinnerung", ab 18. 7.), Ludwig-Maximilians-Universität, Münchner Stadtmuseum ("Wagners Welt", ab 10. 10.), Bayerischer Rundfunk.</P><P>Hessler: "Wir möchten das nicht zuletzt verstanden wissen auch als ein Signal für den Kulturstandort München." Das Gesamtmotto der großen Opernschau: "Macht der Gefühle". Das Besondere an diesem Jubiläum: "In keiner anderen Stadt im deutschsprachigen Raum, in kaum einer anderen Stadt in Europa _ mit Ausnahme von Venedig und Florenz _ kann die Kunstform Oper auf eine vergleichbare Kontinuität der künstlerischen und gesellschaftspolitischen Geschichte zurückblicken wie in München."</P><P>"350 Jahre - das zeugt von der Lebendigkeit der Oper und ihrer Unverzichtbarkeit."<BR>Sir Peter Jonas</P><P>Aber die Festivitäten sollen nicht allein der Vergangenheit gewidmet sein. Der vorherrschende Aspekt wird der Bezug zur Gegenwart sein. Man will deutlich machen, dass auch im Jahre 2003 Oper eine moderne Kunstform ist. Diesem Anspruch tragen auch die diesjährigen Festspiele Rechnung. Intendant Peter Jonas bezeichnet sie als einen "Gang durch die Geschichte" - unter der Überschrift "Gegen.Welten". Sechzehn Opern aus fünf Jahrhunderten werden in 35 Tagen gezeigt. Sie sollen, so Jonas, die Lebendigkeit, Bedeutung und Notwendigkeit der Oper unter Beweis stellen und ihre Unverzichtbarkeit. Die Spanne reicht von der Münchner Erstaufführung der Barock-Oper "Rodelinda" von Händel bis zur Uraufführung der zeitgenössischen Oper "Das Gesicht im Spiegel" des jungen Münchner Komponisten Jörg Widmann und des Dramatikers Roland Schimmelpfennig.</P><P>Wissenschaftlich begleitet und historisch richtig eingeordnet wird das Jubiläum durch den Theaterwissenschaftler Jürgen Schläder. Im Zusammenhang mit Operngründung und kontinuierlicher Förderung bescheinigt er den bayerischen Kurfürsten ein sehr modernes politisches Denken: Mitte des 17. Jahrhunderts stellte sich Bayern auf Europa ein, dazu gehörte die kulturelle Repräsentanz. Und im Grunde habe sich seither an der Verbindung von Kunstform und Staat kaum etwas geändert.<BR></P>

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