Eine Lebenslust

- Wenn das passiert, muss der Künstler schon sehr in Ekstase geraten sein: "Die Pfeife lag abseits, kalt", schließt das Gedicht "Gottähnlich". Neben seinen Zeilen drehen Kohlestriche ihre Pirouetten: ein tanzendes Paar, sie und er die Hüften wiegend, einander den Rücken zugekehrt, sich nur zart, aber doch unlösbar über ihren Köpfen an den Fingerspitzen haltend. Oder, an anderer Stelle, wenig elegant aneinander prallend, mit verzerrten Mienen, stierem Blick, steilem Haarschopf, schrecklich verzückt.

<P>Ein Veitstanz, ein Zappeln und Rappeln, hässlich, komisch und rührend zugleich. Rahmen für "Tango Nocturno" und "Tango Mortale", welcher mit beschwingtem Valse-Rhythmus schließt: "Der Schmerz ist nur Maske. Wir gleiten verkleidet/ auf grenzloser Fläche, dem Tod auf den Fersen,/ uns selbst hinterdrein." <BR><BR>Die Pfeife, das Zeichnen, Dichten und Tanzen - kein anderer geriert sich hier "gottähnlich" als Günter Grass, formt Menschen, Tänzer vor allem, nach seinem Bilde. Aus Ton zunächst, so beschreibt es das Auftaktgedicht des akkuraten, kunstvoll gestalteten Bandes "Letzte Tänze". "Als ich des Schiffes Untergang/ und den nachhallenden Schrei/ zum Buch verkürzt hatte,/ wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen/ und begann aus Töpferton,/ der feucht und vorrätig alt roch,/ Figuren - Mann und Frau in Bewegung -/ als Hohlkörper zu formen". So heiter war dem Dichter nach dem Abschluss seiner Novelle "Im Krebsgang" über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" offensichtlich geworden, dass es beim Töpfern nicht blieb. <BR><BR>"Wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen"<BR>Günter Grass</P><P>Ein wahrer Schaffensrausch und eine Lebenslust, wie als dringend benötigtes Gegengift zum schwermütigen Untergangsthema, müssen Grass erfasst haben, dass sogar die Worte wieder nur so aus ihm flossen und mal mit schönen Verdichtungen, tiefen Einsichten oder eher schlichten, aber lebensfrohen Betrachtungen Seite um Seite voll wirbelten. </P><P>Es ist wohlgemerkt vorrätiger, alt riechender Ton, den Grass verwendet und der sich zur Substanz auch seiner Verse verfeinert. Denn das Altern klingt immer wieder an, die Belustigung über das eigene Vergreisen: "Liebste, nur wenige Takte,/ bevor du mich und dich -/ wie immer um diese Zeit -/ mit Tabletten versorgst: einzelne/ und gezählte." </P><P>Umso stärker lässt der Tänzer-Dichter den Kontrast gellen, die riesige, unstillbare Lust. Man ahnt es: Wo der Tanz in die Ekstase mündet, ist die Erotik nicht mehr weit.<BR><BR>Gut ein Drittel der dynamisch gezeichneten Blätter zeigt sich liebende Paare - nicht melancholisch schwarz wie die Tanzbilder gezeichnet, sondern in satt-erdiger Sepia. Ein Fest der Sinne, Bild für Bild, in ihrem allzu ernsthaften Überschwang fast schon lächerlich, wäre da nicht diese Selbstironie: diese ehrgeizig verrenkten, fürchterlich angestrengten, ulkig staunenden Figürchen. "Zuerst klirrten die Gläser,/ dann zweistimmig wir,/ doch nichts ging in Scherben."<BR><BR>Am schönsten aber gerät Grass der ganz spezielle Blues seiner Liebenden - sie betrachten die Welt auf dem Kopf stehend: "Drum bitt um Nachsicht ich, wenn meine Kopfständ gleichen/ letztendlich einem Fragezeichen." Und am gelungensten die Gedichte dort, wo der Autor sich eben nicht zu ihrer Erzeugung auf den Kopf und seine dichterische Potenz so dringend unter Beweis stellen muss. Sondern wo sie ganz lapidar daherkommen, wie der "Tanz der Kakteen": "Fällt ein Arm, wurzelt er blindlings,/ treibt später Glieder,/ geübt in Ekstase."<BR></P><P>Günter Grass: "Letzte Tänze". Gedichte und Bilder. <BR>Steidl Verlag, Göttingen. <BR>96 Seiten, 35 Euro. <BR><BR></P>

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