Eine Minute für 60 Euro

- Man hat ja schon viel Hymnisches über ihn gelesen. Und nun steht er da in der Muffathalle vor seinem Mikrofon, er, der von Experten-Kritik bereits zum Nachwuchsstar der zeitgenössischen Tanzszene gekürte Jochen Roller.

<P>Und man kann zumindest nicht umhin, ihn auf Anhieb sympathisch zu finden - weil er mit seinem freundlich-beißenden Humor Münchens Tanzwerkstatt Europa ein bisschen aufgemischt hat. Sein Stück "No Money, No Love - Art Gigolo" ist eine flockig-gewitzte Satire (mit unten drunter aber doch viel Todernst) über die rundherum jobbende, prekäre Existenz des Tänzers und den Marktwert von Tanz. Ein Uralt-Thema an sich und jüngst auch schon vom Berliner Kollegen Xavier LeRoy am eigenen, hierzu qualvoll verbogenen Tänzerleib untersucht. </P><P>Aber Conférencier Roller bringt mit geöltem Mundwerk seine Einsichten über die Schmerz-Paradoxien gekürzter Kulturförderung und Zwangs-Broterwerbe viel weniger intellektuell. Clever würzt er mit Reflexionen und Reminiszenzen aus seinen Erfahrungen als H&M-Verkäufer, Escort-Service-Bewerber, Bewerber, Parkwächter und Call-Center-Agent der Deutschen Bahn. </P><P>Das sei der beste Job, da er die telefonischen Auskünfte per Headset auch geben kann, während er gleichzeitig sein nächstes Stück probt. Denn die Probenzeiten müssen ja irgendwo reingequetscht werden zwischen die Beschäftigungen als Fahrradkurier, Fitnesstrainer und Deutschlehrer für Ausländer. </P><P>Kosten-Nutzen-Rechnungen macht er an einer weißen Tafel auf: sechs Stunden Arbeit in einer Plattenfirma, um drei Stunden proben zu können. Und rechnet für sein 20-Minuten-Stück "Ich bin Cristina Aguilera" seine Minus- Einkünfte durch, bis runter auf eine Minute - die ihn dann 60 Euro gekostet hat. </P><P>Das alles geht dem (Insider-) Publikum - klar, die vielen Workshop-Teilnehmer - sinnlich-saftig runter wie Sahne. Die Winz-(Tanz?-)Sequenzen, die er in seinem froschgrünen Jogging-Anzug zwischen die auf der Bühne verstreuten Einkaufstüten und Supermarktplastik-Körbchen hüpft, die kann die Katz aufm Schwanz forttragen. </P><P>Aber im Kopf ist er hell, sein Witz von hintergründigernster Art. Roller ist offensichtlich mehr Kabarettist denn Choreograph. Unser Tipp: sich mal bei Bruno Jonas bewerben. Die sanftlippige Gesellschaftskritik könnte letztlich ergiebiger sein, als sich als "Kunst-Gigolo" in nackt gestrippter Tänzer-Haut zu verkaufen.</P>

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