Eine Münchner Musik-Institution

- Auch wenn viele noch nie eines ihrer Konzerte besucht haben: Im kulturellen Unterbewusstsein Münchens ist diese Frau fester verankert, als sie selbst, bescheiden wie sie ist, es annehmen würde. Aber angesprochen auf Charlotte Krämer tippen die meisten Musikinteressierten instinktiv in die richtige Richtung: Ist das nicht die Pianistin, die seit Urzeiten und mit unermüdlicher Ausdauer im Gasteig ihre Klavierabende gibt? Genaueres freilich weiß kaum einer.

<P>Charlotte Krämer scheint das Schicksal so mancher Institutionen zu teilen: Was man zuverlässig vor der eigenen Nase weiß, das mag man sich immer wieder für einen Besuch vornehmen, um es genauso oft wieder zu verschieben - läuft ja nicht davon. Aber dass sie eine Institution ist, daran besteht kein Zweifel. Und ihre Fans hat sie auch, wie es sich für eine Institution gehört. </P><P>Angefangen hat alles mit einer großen Leidenschaft - und vielen kleinen Hindernissen: Damals, im München der Kriegs- und Nachkriegsjahre, als die kleine Charlotte ein Klavier im Schaufenster erblickte und, fasziniert vom Glanz von Lack und Tasten, solange in ihre Eltern drang, bis eines angeschafft wurde. Als die Sechsjährige ausgerechnet kurz vor der heiß ersehnten ersten Klavierstunde an Scharlach erkrankte. Als bei einem Bombenangriff die elterliche Wohnung in Neuhausen schwer beschädigt und dabei auch ihr geliebtes Klavier in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als die 15-Jährige erst mit einer Sondergenehmigung des Kultusministeriums in die Musikhochschule aufgenommen werden konnte; das reguläre Eintrittsalter lag bei 16.</P><P>Glanz von Lack und Tasten</P><P>Zehn Semester hat Charlotte Krämer dort im Hauptfach Klavier studiert, dazu alles weitere, was zu einer soliden musikalischen Ausbildung gehört: Harmonielehre, Kontrapunkt, Gehörbildung, Musikgeschichte. Es folgten vier Semester Meisterklasse.</P><P>Die junge Frau blickte mit offenen Augen in die Welt und hätte am liebsten noch Medizin studiert. Doch ihr Vater sah sich nicht in der Lage, das zu finanzieren, auch kein Unglück, wie sie heute meint. Krämer begann, ihren Lebensunterhalt durch Konzertieren und durch Klavierunterricht zu verdienen: Das Debüt, 1956 im Schloss Dachau, war zwar finanziell ein Reinfall, aber ihrem Idealismus und ihrer Hartnäckigkeit tat das keinen Abbruch.</P><P>Bis heute unternimmt sie Konzerttourneen und hat sich dort ein treues Publikum erspielt. Ein solches ist allerdings auch nötig: Anders als Klavierstars, die von großen Agenturen rundum versorgt und organisiert werden, ist das Unternehmen Charlotte Krämer ein Eine-Frau-Betrieb. Alles liegt also in ihrer Hand: die Termine festzulegen, die Säle anzumieten, die Plakate und Programme zu schreiben und drucken zu lassen - und sämtliche finanzielle Risiken. Bis zu 1000 Euro Ausgaben etwa stecken in einem Klavierabend in "ihrem" Kleinen Konzertsaal im Gasteig, von der Saal- und Flügelmiete über das Klavierstimmen bis hin zum Einlass- und Garderobenpersonal. 191 Plätze hat der Raum, erst wenn 100 bis 120 Plätze besetzt sind, hat sie ihre Kosten herinnen; an Defiziten wie während des Gasteig-Umbaus im Sommer trägt sie monatelang: "Reich werden kann man damit jedenfalls nicht." </P><P>Hadert sie damit, wie alles gekommen ist? "Nein. Mal abgesehen davon, dass es ja eh nichts nützen würde: Schon als ich damals meinen Beruf ergriff, war das eine Berufung. Mit etwas anderem hätte ich nie glücklich werden können." Und so macht sie weiter: Der Stress, sagt sie, hält sie in Form - und die Musik. Mozart, Beethoven, Schumann, Schubert, Franck, das sind ihre Hausgötter. Und wenn es ihr gelingt, deren Gefühlsreichtum weiterzugeben, wenn begeisterte Zuhörer sie in der Garderobe aufsuchen, um ihr zu danken, dann wiegt das alle Mühe auf. Wer von solcher Liebe zur Musik und zu seinem Publikum beseelt ist, denkt nicht ans Aufhören: "Solange man mich noch nicht aufs Podium tragen muss, mache ich weiter."</P><P>Wer einmal erlebt hat, wie konzentriert und vital die zierliche ältere Dame in ihr Klavierspiel versinkt, der ist sich sicher: Auch in den kommenden Jahren wird Charlotte Krämer im Münchner Kulturleben eine feste Größe bleiben und noch viele Menschen zur Schönheit der Musik führen. Dass solches möglichst oft vor ausverkauftem Saal geschehen möge, bleibt zu wünschen.</P>

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