Eine Nation, reif für den Mops

- Das Standfoto zeigt eine bräunliche Tasse, gehalten von einer knochigen rechten Hand. Darin rabenschwarzer Kaffee - inklusive eines Fremdkörpers. Und sofort spult sich im Innern des Betrachters, quasi als Pawlow'scher Humorreflex, der komplette Sketch ab. Die Nudel ("Sagen Sie jetzt nichts") auf der Oberlippe des ältlichen Casanovas, am Kinn, an der Nase . . .

<P>Bei wohl jedem Bild in diesem Raum passiert das. Bei Loriot als Grusel-Darsteller Vic Dorn, als schmollbackiger Gatte beim Hosenkauf, als "Panorama"-Moderator Peter Merseburger. Und spätestens jetzt versteht der Besucher: Diese Ausstellung ist gefährlich. Weil sie Lebenszeit raubt. Weil man sich so willig wie rettungslos festsieht und festlacht, sogar über das, was dank vieler TV-Sendungen oder Bücher bereits Hunderte Male zu genießen war.</P><P>Deutschlands derzeit größter Humorist feiert am kommenden Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Die Akademie der Schönen Künste in München ehrt Vicco von Bülow alias Loriot aus diesem Anlass mit einer Schau, die unter anderem kostbarste Schätze birgt: rund 100 Original-Zeichnungen aus Loriots Privatbesitz, eine Knollennasenwelt en miniature, die Kindererziehung, sportliche Betätigungen, Uniformiertes bis hin zum Rezeptvorschlag "Backobst mit Gürteltierklößen" thematisiert. Und sich zum schlüssig bewiesenen Ergebnis durchringt: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen."</P><P>So liebenswürdig hat uns kein anderer blamiert<BR><BR>Typisch deutscher Humor? So liebenswürdig und selbstironisch, so boshaft und subtil wie Loriot hat jedenfalls kein anderer seine Landsleute blamiert. Und es dabei geschafft, dass seine knappen, zielsicheren Pointen nicht nur von allen verstanden, sondern auch akzeptiert werden. Ein Konsenskünstler und Klassiker gleichermaßen, der uns gelehrt hat, welch vielsagende Poesie in Begriffen wie "Sitzgruppe", "Auslegeware" oder "Knopflochverarbeitung" schlummert.<BR><BR>Loriots Zeichnungen (die bei ihrem ersten Erscheinen noch Irritationen bis Skandälchen provozierten), auch die Zeichentricks und Sketche, schließlich die beiden Kinofilme "Ödipussi" und "Pappa ante Portas" sind Wunderwerke der Reduktion, der peniblen Ausarbeitung - und stellen uns kein gutes Zeugnis aus. Eine Nation voller Peinlichkeiten: Ordengehänge, die von der Uniformjacke platzen; gierige Tischgäste, die sich ums Dinner balgen; Herren samt Schwimmentchen in der Wanne; der Ehekrach über das Viereinhalb-Minuten-Ei (übrigens als Dialog im Großformat abgedruckt). Eine Nation überdies, die sich als Haustier den Schäferhund erträumt, die aber nur reif ist für einen Artverwandten - den Mops.<BR><BR>Zum Trost erläutert die Schau mittels einer alles beherrschenden Stellwand, dass das "ringelschwänzige Schoßtier" lediglich ein über mehrere Generationen gezüchteter Mutant des "Wilden Wald-Mopses" darstellt. In ebensolchem Riesenformat wird Eindrucksvolles präsentiert: die authentischen Folien-Entwürfe zum Badewannen-Sketch, einzigartige Kunst in ihrer Rohfassung gewissermaßen.<BR><BR>Der hinterste der drei Räume ist am allergefährlichsten. Nicht unbedingt wegen der Bühnenbildmodelle, die Loriot für Flotows Oper "Martha" und Webers "Freischütz" bastelte. Sondern vielmehr wegen des Mini-Kinos, das die gesammelten Fernseh(un)taten des Großmeisters vorführt. Ein Ort also, an dem der Besucher Stunden, ach was: Tage verweilen möchte.<BR><BR>Auch hier Staunen über die nie alternde Perfektion dieser deutschen Mini-Dramen. Eine Perfektion, vor der die Münchner Akademie offensichtlich kuschte, wurden doch sämtliche Zeichnungen in preußischen Vierer- oder Sechserformationen gehängt. Wodurch freilich ein wunderbarer Kontrast zu einer anderen Exponat-Reihe geschaffen wurde, nämlich zur kleinen Gemälde-Galerie der (ganz klar: knollennasigen) "großen Deutschen" inklusive Goethe und Thomas Mann. Denn wie dumm: Alle Bilder hängen schief. Doch Finger weg, liebe Besucher. Wir wissen ja, was mit der Residenz im Falle eines Geraderückens passieren könnte . . .<BR><BR> Bis 25. Januar, Max-Joseph-Platz 3, tgl. außer Mo. von 10 bis 17 Uhr. Kein Katalog.</P><P><BR> "Candide" mit Loriots verbindenden Texten wird am 12. 11. im Prinzregententheater aufgeführt, "Martha" am 13. 11. im Gärtnerplatztheater, "Loriots Dramatische Werke" werden wieder ab 11. 11. in der Komödie im Bayerischen Hof gezeigt.</P><P>Lesen Sie hierzu auch:</P>Hommage an Vicco von Bülow:  Komikklassiker Loriots gesammelte Werke: Meisterinterpret Loriots Leben

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