Eine neue Kunst für die Straße

- Es war die große erste Zeit des Plakats als einer neuen Kunst für die Straße: anti-naturalistisch, vereinfachend in einer flächigen, den Schriftcharakter einbeziehenden Bildsprache, suggestiv in der knappen, oft witzigen Aussage, als Flachdrucke vom Stein heute höchst kostbar, im Offset-Verfahren schließlich maschinell in hohen Auflagen von lithografisch präparierten Metallplatten gewonnen.

Die im Tegernseer Gulbransson-Museum gezeigte Auswahl aus den Beständen der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz folgt einer dort 1995 katalogisierten Schau von 648 Exemplaren der Jahre 1890 bis 1914: von der Belle Epoque bis zur Produktwerbung des Sachplakats. Die Abfolge beginnt mit Jules Chéret, einst als "Tiepolo der Straße" apostrophiert.

Als erster nutzte er den Werbeeffekt von Demimonde, Varieté und elegant süßer Weiblichkeit, auch wenn es sich um Zigaretten oder Petroleum handelte. Ihm zur Seite gestellt werden die elegischen weiblichen Schlinggewächse Alfons Muchas, die blumig dekorierten Schönheiten des Belgiers Privat Livemont sowie die wirbelnde Buntheit der Cancan-Tänzerin Saharet (Clarine Campbell) aus dem Berliner "Wintergarten", vom Münchner "Simpl"-Zeichner und "Scharfrichter"-Kabarettisten Ernst Neumann - ein besonders seltener Druck, weil das Plakat 1903 nach wenigen Tagen gegen ein anderes ausgetauscht wurde.

Das Sport- und Modeparadies München erscheint in den klaren und strengen Stilisierungen eines Ludwig Hohlwein oder Carl Moos, gleichzeitig mit den historisierenden Ausstellungsplakaten eines Franz von Stuck oder Augusto Sezanne. Bruno Paul dagegen fand 1901 mit seinen hochbeinig vornehmen, fragilen Flamingos ein weit sinnvolleres Motiv, einen geradezu suggestiven Reiz: für die Ausstellung "Kunst im Handwerk" im Nationalmuseum.

Während die meisten Wegbereiter des modernen Plakats Maler, Illustratoren oder Innenarchitekten im Hauptberuf blieben, wurde Lucian Bernhard, der große Meister des Sachplakats, zum Gebrauchsgrafiker und Schriftkünstler. Stellvertretend für seine vielen Meisterwerke steht hier seine rotgrundige Zigarettenwerbung für Manoli. Drei wesentliche Protagonisten der Plakatkunst fehlen in dieser Auswahl. Von Toulouse-Lautrec, Bonnard und Steinlen gibt es in den Chemnitzer Beständen kein Blatt.

Bis 26.2., Katalog: 18 Euro; Tel. 08022/ 33 38.

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