Eine neue Lebenskunst

Murnauer Schlossmuseum zeigt Bauhaus-Ideen: - Was dabei herauskommt, wenn die kreativsten Köpfe einer Generation zusammen einen Aufbruch wagen, überwältigt auch noch fast neunzig Jahre später: Die einst umstrittene Kunstschule "Das Bauhaus" prägt unser Denken, unsere Ästhetik, unser Design und unseren Anspruch an die Funktionalität bis heute. Deshalb ist es immer mal wieder nötig, sich die sprudelnden Ideen in Sachen Kunst, Wohnen und Leben rund um Walter Gropius vor Augen zu führen.

Im Schlossmuseum Murnau ist der Fokus dank der Sammlung Hochtief auf die frühen Jahre zwischen 1919 und 1925 in Weimar gerichtet: ein Beweis dafür, dass Bauhaus nicht nur Schlichtheit heißt, sondern eine Bündelung visionärer Vielfalt.

Der Weg "Vom Expressiven zum Konstruktiven", so der Ausstellungsuntertitel, fasziniert: Johannes Itten hat 1919 seine pyramidenförmigen Würfelkonstruktion als Spiel logischer Stützkräfte in Gips modelliert.

Daneben überrascht der Kronos in vergoldetem Holz, flammend, schwingend, mystisch die esoterische Strömung bei Johannes Bertold verkörpernd. Farb- und Materialstudien und geistige Offenheit wurden in den Werkstätten der "Formmeister" praktiziert, ein Bekenntnis zum Experiment einerseits und zur zentralen Funktion andererseits.

Auch in der Malerei sind die Schritte vom wildbunten Seelenzustand zur Ausgewogenheit der Geometrie nachzuvollziehen. Eklatantes Beispiel ist Karl Peter Roehl, der 1919 rotgrünblaue Formen abstrakt-expressiv durchwirbelt, um vier Jahre später die Balance von Kreis, Balken und Quadrat in Schwarz und Gelb auszuloten.

Ganz ähnlich Walter Dexel, der von einer magischen Paris-Ansicht (1915/18) zur puren Räumlichkeit findet. Das alles sind Ergebnisse wohldurchdachter Theorien über Funktion, Farbe, Form und deren Spannungsverhältnisse - weit jenseits des Gefühlsschwalles nach der Jahrhundertwende.

Wo Kandinsky, Klee und Schlemmer arbeiteten

Die Gegenpole der Druckgrafik liefern Itten und Oskar Schlemmer: Itten löst Landschaft und Figur in wilde, harmonische, schwarze Schwingungen auf, um dieses Prinzip dann vollends abstrakt in Dynamik umzuwandeln. Schlemmer zeigt dagegen einen sachten Wandlungsprozess. In hauchzarten, akkuraten Profilen werden Raum und Figur, Dichte und Leichtigkeit, Dynamik und Ruhe aufgefächert.

Nahtlos schließt sich Kandinsky an: 1922 schuf er seine "Kleinen Welten", Meisterwerke in Sachen Zentralisierung und Sprengung, lyrische Schwingung und wuchtiger Ausdruck. Die rare "Meistermappe" (1923) des Bauhauses schließlich macht die wichtigsten Positionen der Lehrer klar: ein verträumter Paul Klee, in dessen verliebtem Kopf eine konstruierte Frau schwebt, ein super-rationaler László Moholy-Nagy mit sanfter Geometrie, eine kristalliner Lionel Feininger.

Das Spiel mit den Varianten symbolisiert Kurt Schmidts "Konstruktives Relief", das in Setzkasten-Format ein Kaleidoskop von Farbharmonien und Formbahnen und zugleich der niederländischen Strenge gibt.

Allein die Postkarten-Ausstellung von 1923 zeigt: Es hätte nicht gegensätzlicher und fruchtbarer brodeln können als in dieser Kunstschule. Das erstreckt sich hin bis zu Architektur und Design. Neben Farkas Molnárs berühmtem "roten Würfel" (1922/23), absoluter Funktionalismus mit akribischem Laubengang, stehen sternfömige, starkfarbige Siedlungs-Entwürfe von Walter Determann.

Ein fotografischer Blick in die Werkstätten und ihre reale Ausbeute machen die neue Lebenskunst greifbar: Neben den abstrakt bemalten Bauernschrank (Rudolf Lutz) punkten Marcel Breuers Stuhl-Ikone, Geschirr-Klassiker und Spielzeug. Die Puppen, von ethnisch bis konstruiert und Schlemmer-triadisch, sind Prototypen von Gropius‘ zeitlosen Leitmotiven: "Zurück zum Handwerk" (1919) und "Kunst und Technik eine neue Einheit" (1923).

Bis 8. Juli, Di.-So. 10 bis 17 Uhr; Katalog: 19,80 Euro. Tel. 08841/ 47 62 01.

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